"Die Unglaublichen – The Incredibles": Ja, wenn wir alle super wären . . .

26. März 2005, 22:10
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"Die Unglaublichen – The Incredibles": Selten konnte man sich mit und über Superhelden besser amüsieren: "Die Unglaublichen – The Incredibles", der neueste Streich des US-Studios Pixar

Selten konnte man sich mit und über Superhelden besser amüsieren: "Die Unglaublichen - The Incredibles", der neueste Streich des US-Studios Pixar, vereint einmal mehr ein grandioses Drehbuch mit atemberaubender Tricktechnik.


Wien - "It's time to engage!" Wenn sich Helden mit dieser Formel im Kino zu Wort melden, bedeutet das zumeist den Startschuss für militärische Interventionen jedweder Art. Bei Bob und Helen Parr bedeutet es: Jetzt ist es aber wirklich höchste Zeit, den streitbaren Nachwuchs zu trennen.

Dabei wären gerade sie prädestiniert, sich als Superhelden für die globale gute Sache einzumischen, wenn ihnen nicht vor 15 Jahren von der Regierung jede weitere Heldentat verboten worden wäre, nachdem eine Lebensrettung den Anfang vom Ende bedeutete: "You saved my life to ruin my death", beschuldigte ein verhinderter Selbstmörder damals seinen Retter der unerwünschten Einmischung in Privatangelegenheiten.

Seither heißen Mr. Incredible und Elastigirl Bob und Helen Parr und haben andere Sorgen: Leben am Stadtrand, Kleinwagen in der Garage und drei Kinder, die mit der etwas anderen Vererbungslehre zu kämpfen haben. Doch während Bob, der noch immer von den glorreichen Tagen träumt, sich in den grauen Alltag eines Versicherungs-Großraumbüros zwängt, ist seine Rückkehr ins alte Geschäft nur noch eine Frage der Zeit. Und diese wiederum für die Weltenrettung denkbar knapp.

Eine Gesellschaft, die ihre Helden entlässt, weil jeder etwas Besonderes zu sein glaubt, läuft Gefahr, nur noch aus Helden zu bestehen. So jedenfalls die Logik des neuen Pixar-Animationsstreichs Die Unglaublichen und Wunschvorstellung des Superbösewichts, der an der ultimativen Umsetzung dieser Idee arbeitet: Auf einer einsamen Insel residierend, lädt er die in der Anonymität der Masse untergetauchten Superhelden zum Zweikampf mit seinen Robotern, um sich ihrer der Reihe nach zu entledigen. Sein Ziel ist jedoch nicht die Weltherrschaft, sondern die Aufhebung des Heldentums durch kollektives Heldentum: "Everybody will be super, which means no one will be."

Rettung durch Familie

Die Unglaublichen rekurriert hier nicht nur auf ein gesellschaftspolitisches Szenario, das in dieser Form aus den 60er-Jahren stammen könnte, sondern lässt dieses auch geschickt in Design und Charakterzeichnung einfließen: selbst akustisch bis ins kleinste Detail nachempfundene James-Bond-Topografien; liebevolle Hommagen, z. B. an die Hollywood-Kostümlegende Edith Head; die Rettung der Gesellschaft durch die Familie als ihre kleinste Zelle - und nicht zuletzt das Vertrauen in die individuellen Kräfte und Fähigkeiten.

Dass Die Unglaublichen von Autor und Regisseur Brad Bird (The Iron Giant) natürlich dennoch keine nostalgisch verklärten Gesellschaftsmodelle verbreitet, liegt nicht nur am bekannt ironisch-lustvollen Umgang der Pixar-Werkstatt mit familiären und sozialen Normen, sondern auch an der gewitzt umgedeuteten Anbindung an die aktuelle Identitätskrise moderner Kinosuperhelden: Zwar können - wie die X-Men oder wie Spider-Man - auch Die Unglaublichen keine innere Ruhe finden und haben mit ihrer Rolle in der Gesellschaft ordentlich zu kämpfen, doch die Vorzeichen haben sich gewandelt. Mr. Incredible hat privates Glück, dafür öffentliches Auftrittsverbot. Und findet im Gegensatz zu seinen Superheldenkollegen deshalb am Ende doch seinen rechten Platz.

Nach Insekten, Monstern und Fischen ist die Erfolgsgeschichte von Pixar in der vorletzten Zusammenarbeit mit Disney nun also beim (Super-)Menschen gelandet. Die technische Vervollkommnung des digitalen Animationsfilms ist wieder ein Stück näher gerückt, und ab jetzt muss man sich nicht mehr mit pelzigen oder schuppigen Kreaturen identifizieren. Dass die stilisierten Gesichter aussehen wie aus einem einzigen Guss, ist dabei weniger das Resultat optischer Tugend aus technischer Not, sondern entspricht durchaus der allgemeinen Anbindung des Films an Stilmittel des klassischen Comics.

Das heißt: Tempo, Witz und Spontandemontagen buchstäblich allerorts. Bei Pixar bestimmt nämlich im Gegensatz zu anderen aktuellen Beispielen der Stoff die technische Lösung, für deren Umsetzung es keine Superhelden braucht, sondern einfach kreative Visionäre. (DER STANDARD, Printausgabe vom 6.12.2004)
Ab Freitag im Kino

Von
Michael Pekler
  • Artikelbild
    foto: buena vista
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