"Sammelsurium" an Nichtwissen

6. Dezember 2004, 15:55
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Sprachkompetenz der Schüler verändert sich durch Chatten und E-Mails

Wie heißt der längste Fluss der Welt? Wenn Christian Schlager, Deutsch- und Geografielehrer an der HLA Mödling, seinen Schülern diese Frage stellt, kann er bereits glücklich sein, wenn er die richtige Antwort - der Nil - zu hören bekommt.

Über dieses Basiswissen kommt der engagierte "Prof" aber kaum hinaus. "Siebzig Prozent der Schüler wissen nicht, dass der Atlas ein Inhaltsverzeichnis hat", sagt Schlager. Bei einer Stundenkürzung auf eine Geo-Stunde pro Woche in der ersten Klasse (in der HLA die Gruppe der Vierzehnjährigen) wundert es ihn aber nicht, dass das Wissen der Schüler "immer schlechter" wird.

Also gilt es zu klären, "wo Afrika liegt" oder dass Canberra nicht die Hauptstadt Kanadas ist. Er müsse als Lehrer einfach einen Gang zurückschalten, was mitunter "sehr frustrierend" ist. Und das nicht nur in Geo: Wenn die Schüler beim dritten Leseanlauf noch immer über das Wort Re-Islamisierung stolpern, gibt das auch dem Deutschlehrer in ihm zu denken. Schlager kann das schlechte Pisa-Ergebnis also "nur bestätigen".

Amüsantes Skirennen

Gerhard Tanzer, Deutschlehrer am Wiener Schulzentrum Ungargasse, ist darüber hingegen "eher amüsiert". "Weil es wie ein Skirennen rezipiert wird. Einzig die Platzierung zählt, die Abstände sind unwichtig."

Er könne sich nicht vorstellen, dass sich wirklich alles so zum Schlechten gewandelt hat. In seinen eigenen Klassen merke er zwar "einen gewissen Trend zum Internet", aber das wäre ja nicht gleichbedeutend mit einem Verlust der Lesefähigkeit.

Was hingegen schon verloren geht, sind nach Ansicht Tanzers einzelne Worte: "Der Ausdruck ,fromm' ist sicher im Aussterben begriffen." Und auch mit "Serpentinen" oder einem "Sammelsurium" wüsste der Schüler von heute nichts mehr anzufangen. Es verändere sich die Sprachkompetenz, und die Schüler wüssten dadurch bestimmte früher gebräuchliche Wörter nicht mehr.

Internet statt Sachbuch

Sie chatten mehr und e-mailen. Und: Bei Referaten würde das Internet das Sachbuch als Quelle verdrängen, sagt Tanzer. Dennoch dürfe man die Resultate nicht so engstirnig sehen: "Die Ausleihzahlen in den Stadtbibliotheken sind nicht im Sinken begriffen."

Für Tanzer variiert die Bedeutung der einzelnen Pisa-Ergebnisse auch stark mit der Eigendefinition eines Landes: "Wir sehen uns ja als Bildungsnation." Ein schlechtes Abschneiden in Mathe gelte dabei als viel weniger problematisch als eines in Deutsch. (DER STANDARD, Printausgabe 6.12.2004)

Von Karin Moser
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