Der Dollar fällt und fällt - time to buy?

8. Februar 2005, 16:09
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Die unsichere Zukunft des Dollars sorgt auch für Unsicherheit bei Investoren - Gastkommentar von Michael Margules

Die Spekulation lebt von Übertreibungen. An den internationalen Devisenmärkten wird nahezu tagtäglich der Dollar gegen den Euro billiger. Offensichtlich werden großteils noch immer ohne Rücksicht auf Verluste Dollar auf den Markt geworfen.

Wie lange die hartnäckige Dollar-Baisse noch andauern wird, vermag niemand (mehr) zu prophezeien - umso mehr ist und bleibt es das große Gesprächsthema unter allen (Kapital-)Marktteilnehmern.

Enormer Vertrauensverlust

Das Vertrauen in die internationale Leitwährung, den US-Dollar, ist nachhaltig beschädigt. Diese Deutung der jüngsten Kursturbulenzen ist auch ohne Rückgriff auf komplizierte Wechselkurstheorien möglich.

Die Akteure an den internationalen Finanzmärkten wenden sich zwar nicht von der amerikanischen Währung ab, sie bewerten den Dollar gegenüber Euro, Yen und zahlreichen anderen Währungen derzeit und wohl auch zumindest kurz- bis mittelfristig aber deutlich niedriger als noch vor wenigen Monaten, wiewohl die Wechselkursrelationen und Kaufpreisparitäten seit der Jahrtausendwende kräftig durcheinander gewirbelt wurden.

Amerikanische Defizite

Dabei kommen die Verschiebungen im Währungsgefüge bei Gott nicht aus heiterem Himmel. Die Weltwirtschaft leidet seit geraumer Zeit unter wachsender Unsicherheit, zum einen ausgelöst durch

  • den zuletzt allerdings deutlich nachlassenden Druck von steigenden Rohölnotierungen im Speziellen und Rohstoffpreisen im Allgemeinen,
  • internationalen Terrorismus und last but not least
  • die amerikanischen Budgetdefizite.

Insbesondere das US-Leistungsbilanzdefizit bereitet Sorge. Mit mehr als fünf Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung habe es ein Niveau erreicht, das sich auf Dauer nicht durchhalten lasse, warnen internationale Ökonomen und mit ihnen einhergehend primär europäische Politiker.

Mit Blick auf die Leistungsbilanzüberschüsse Europas, Japans und Chinas wird ein "globales Ungleichgewicht" konstatiert und ein daraus resultierender fortgesetzter, freier Fall des US-Dollars, der das internationale Finanzsystem ins Wanken und die Weltwirtschaft in eine Rezession treiben könnte.

Fehlgeleitete Interpretation

Dabei ließe sich dem Geschehen an den Währungsmärkten ein Teil seiner Dramatik nehmen, führten sich die Anleger nur vor Augen, dass der Leistungsbilanzsaldo nichts über die wirtschaftliche Stärke oder Schwäche eines Landes aussagt.

Die amerikanische Leistungsbilanz weist deshalb ein Defizit auf, weil die US-Bürger mehr Waren und Dienstleistungen konsumieren, als sie selbst herstellen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und diese Lücke wird durch Importe geschlossen, zur großen Freude aller Exporteure landauf und landab.

Für die diesbezügliche Finanzierung sorgen wiederum landauf und landab - mit Schwerpunkt auf die asiatischen Länder unter Führung von Japan und China - exportorientierte Länder respektive deren Regierungen.

Und die daraus resultierenden direkten - über die Zinsdifferenz Yen zu Dollar bzw. Euro zu Dollar - wie indirekten Renditeerwartungen in Sachen "Exportförderung" scheinen nach wie vor intakt zu sein, ansonsten wäre die Akzeptanz eines Preisabschlags in Form des niedrigeren Dollar-Kurses nur schwer verständlich.

Aber: Einer solchen Entwicklung wohnt nichts Krisenhaftes inne, und schon gar nicht macht sie einen Sturz des Dollars ins Bodenlose unausweichlich.

Verunsicherte Anleger

Bei den Anlegern sorgt der unverminderte Dollar-Niedergang für Unsicherheit und Frustration. Es ist kaum mehr möglich, vor allem im Dollar-Bereich mit einiger Sicherheit heutzutage unter längerfristigen Aspekten Kapital zu veranlagen. Hinzu kommen die Risken, die von den ebenfalls schwer zu überschauenden Zinsentwicklungen ausgehen.

Dabei erstaunt unter anderem die Stabilität der langfristigen Dollar-Zinsen, die aktuell so gut wie auf demselben Niveau wie zur Jahresfrist notieren - da war der Greenback aber noch nahezu 20 Prozent höher bewertet.

Dementsprechend signalisiert auch diese Entwicklung, dass insbesondere institutionelle (Groß-)Investoren offensichtlich nach wie vor bereit sind, zum einen so überhaupt trotz und wider niedriger Verzinsung in Anleihen zu investieren, zum anderen das amerikanische Defizit zu finanzieren.

Die Botschaft hör' ich wohl, ...

Betrachtet man alle Faktoren nüchtern und pragmatisch, so dürften Dollarwechselkurse im Bereich 1,50 bis 1,60 für den Euro und weit unter 100 beim japanischen Yen in naher Zukunft nicht überraschen.

Das Wehklagen aus Europa und Japan erscheint dabei polemisch - der niedrige Dollar nimmt weiterhin bei den haussierenden und in Dollar notierenden Rohstoffpreisen den Druck, selbst wenn sich das Niveau des Ölpreises wieder auf ein Niveau im Bereich von 30 US-Dollar einpendelt.

Historisch und selbst nur auf einem Zeitraum der letzten 20 Jahre beschränkt besteht jedoch kein Zweifel über das Comeback des Dollars - und sei es spätestens zu dem Zeitpunkt, wo die europäische Wirtschaftsintegration sich mit den osteuropäischen "Perlen" oder auch der Türkei angehäuft wird. Deswegen dürfen längerfristig denkende Akteure auf den internationalen Finanzplätzen schon jetzt getrost beginnen, sich mit Dollar(-Werten) einzudecken!

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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