"Tough bitch" Julia Morley - Bernie Ecclestone der Eitelkeiten

4. Dezember 2004, 14:19
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Sie dirigiert knallhart das Spektakel um die "Miss World"-Wahl - manchmal lässt sie den Geisteszustand der Schönen überprüfen - Kopf des Tages

Sie selbst hat sich schon wörtlich als "tough bitch" bezeichnet. Die Übersetzung "Weibchen", die Wörterbücher für "bitch" anbieten, wird Julia Morley dabei nicht im Sinn gehabt haben. Als solches könnte sie nicht so knallhart die "Miss World"-Wahlen dirigieren, deren diesjähriges Finale am Samstag, im südchinesischen Sanya stattfindet.

Sinkendes Interesse

Eine Veranstaltung, die (ausgenommen von der Werbeindustrie) ungefähr so dringend gebraucht wird wie der Formel-1-Zirkus. "Bernie Ecclestone der Eitelkeiten" haben Spötter die 63-Jährige deshalb schon genannt, seit Mrs Morley wegen sinkenden Interesses in Europa das Bikini-spektakel in asiatische Gebiete verlagert hat.

Beginn in einem biederen Ballsaal

Der lange Weg dorthin begann in London, wo Eric Douglas Morley 1951 in einem biederen Ballsaal als Werbekampagne den ersten Schönheitswettbewerb veranstaltete. Die Show ließ sich gut verkaufen, immer mehr Mädchen drängten nach dem Titel. 1960 heiratete er Julia Pritchard, zusammen hatten sie drei Söhne und eine Tochter, die aber frühzeitig gestorben ist.

Druck von Feministinnen

Im September 2000 starb Eric, Julia übernahm die Leitung der Organisation und machte sich - in Europa zunehmend unter den Druck von Feministinnen geraten - zwei Jahre später daran, die Weltschönste in Nigeria wählen zu lassen. Ein Fiasko: Mehr als 200 Menschen starben, als aufgebrachte Muslime gewalttätig protestierten, weil ein Journalist zu Ethikprotesten gegen die Misswahl vermerkt hatte, selbst Mohammed hätte die Mädchen goutiert.

Image

Der eilige Rückzug nach London zur Endauswahl kostete das Unternehmen der "tough bitch" nicht nur Unsummen Geld, sondern auch viel an Image. Dabei hatte Julia Morley den Gang in die ärmeren Länder so schön ausgeklügelt. Schon in den Siebzigerjahren hatte sie die gigantische Misskür unter das Motto "Beauty with a Purpose" gestellt und haufenweise Geld für karitative Zwecke gespendet, damit jedem klar sein sollte, was damit gemeint ist.

In der Folge wurden die Bewerberinnen für die Endauswahl im Veranstalterland auch - vertraglich abgesichert, versteht sich - zu Fototerminen in Waisenhäusern geführt. Sie selbst bestreitet jedes kalte Kalkül dabei und fragt Kritiker, wie viele Privatinstitutionen es gebe, die so viel für bedürftige Kinder und Arme tun, wie die ihre.

Dirigierte Schönheiten

Da kommen selbst die von ihr dirigierten Schönheiten bisweilen zu kurz. Vor dem diesjährigen Finale rückte die österreichische Teilnehmerin Silvia Hackl erbost nach Hause ab, weil man sich zehn Tage geweigert hatte, ihre Garderobe vom Flughafen zu holen.

Mit den Abreiseplänen der Österreicherin konfrontiert, schickte Julia Morley der Schönen eine Psychotherapeutin aufs Zimmer, die Hackls Geisteszustand überprüfen sollte. (Klaus-Peter Schmidt, DER STANDARD Printausgabe 4/5.12.2004)

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