Elektrisch beleuchtete Barbaren

10. Dezember 2004, 12:39
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Manfred Ostens Essay über die Zerstörung der Erinnerungskultur

Als der amerikanische Schrifsteller Gore Vidal, einer der bissigsten Kritiker der USA, in einem Interview jüngst gefragt wurde, wieso er seine Heimat als "United States of Amnesia", als Vereinigte Staaten des Gedächtnisverlusts bezeichnet hatte, antwortete er prompt: "Hab' ich vergessen."

Zwischen Erinnern und Vergessen erstreckt sich die menschliche Existenz; zwischen Datenspeicher und Bit-Verlust bewegt sich der zeitgenössische Mensch. Beängstigende Ausmaße hat die Flut an Informationen inzwischen angenommen, die täglich auf das Erinnerungsvermögen einbrandet. Die Kunst der Informationsabweisung ist auch eine Kunst des Vergessens. Zur beliebtesten Taste jedes Computers scheint die delete-Taste geworden zu sein.

Digitale Systeme fügen dem Bewahren und Erinnern eine neue Facette hinzu, eine globale Verfügbarkeit, die aber ihrerseits wieder der technische Fortschritt ins Dunkel des Vergessens abdrängt. Denn ältere Archiviersysteme sind heute häufig kaum mehr kompatibel oder kopierbar; und auch an DVDs nagt der Zahn der Zeit. "Gespeichert, das heißt vergessen", schrieb der Sprachprofessor Harald Weinrich einmal.

Manfred Osten, lange Jahre Generalsekretär der deutschen Alexander von Humboldt-Stiftung, legt nun einen Essay über Erinnerungsvergessenheit vor. Darin umkreist er kritisch das Verhältnis von Erinnerungen und Erinnerungsfetzen und subjektiven Verfälschungen, von humanistisch-anthropologischer Gegenwartsentwurzelung und absolut gesetzter Zukunftszugewandtheit in Wissenschaft und Technik. Von Literatur und Philosophie, seine Favoriten und Säulenheiligen sind hierbei Goethe und Nietzsche, schlägt er einen eleganten Bogen zu aktuellen Wissens- und Ethikdebatten in Hirnforschung und Pharmazeutik. Neuartige "Gedächtnispillen" versprechen auf Grund der immer älter werdenden Bevölkerung ein blendendes Geschäft, da die menschliche Sehnsucht, sich zu erinnern, groß ist. Doch das Fundament des Erinnerns, die Bildung, wird laut Osten umgekehrt immer brüchiger. Bildung versteht er als lebendiges, zukunftsnährendes Wissen um Traditionen und Bezüge. Wird das 21. Jahrhundert ein Zeitalter "elektrisch beleuchteter Barbaren" (Theodor Fontane) sein, ohne Gedächtnis, ohne Wissen um das kulturelle Erbe?

Osten streift in seinem Sirenengesang elitäre kulturkritische Positionen, ohne in übermäßigen Pessimismus zu verfallen, und wagt die Prognose, dass eine Abkehr von schaler Flachheit überreif sei. Auf dem Meer des Vergessens schaukelt die Nussschale der Menschheit, von der Insel des Vergessens zum Eiland der Erinnerung und zurück. "Zierlich denken und süß Erinnern / Ist das Leben im tiefsten Innern", schrieb Goethe. Man muss sich nur daran erinnern, oder sich von Manfred Osten daran erinnern lassen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4./5.12.2004)

Von Alexander Kluy
  • Manfred OstenDas geraubte Gedächtnis Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur. Eine kleine Geschichte des Vergessens. € 15,30/128 Seiten. Insel, Frankfurt/ Main 2004.
    foto: buchcover

    Manfred Osten
    Das geraubte Gedächtnis
    Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur.
    Eine kleine Geschichte des Vergessens. € 15,30/128 Seiten. Insel, Frankfurt/ Main 2004.

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