Mein Großvater

28. Dezember 2004, 12:05
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Von Judith Buber-Agassi

Ich wurde im Haus meiner Großeltern Paula und Martin Buber in Heppenheim an der Bergstraße geboren und wuchs dort zusammen mit meiner Schwester Barbara auf, mit einer Unterbrechung von zwei Jahren, in denen wir nach der Trennung unserer Eltern mit unserer Mutter Margarete Buber-Neumann in Potsdam lebten. Im Februar 1938 wanderten wir nach Palästina aus. Dort, in Jerusalem, lebte ich bis 1947 bei meinen Großeltern. Barbara war damals schon verheiratet, lebte aber nach 1948 bis zum Tode unseres Großvaters 1965 mit ihnen.

Während unserer Kindheit beschäftigte sich unsere Großmutter viel mehr mit unserem täglichen Leben als er. Und zwar nicht nur mit unserem körperlichen Wohlergehen, sondern auch mit unserem Lernen, mit dem Geschehen in der Schule und mit dem Einladen von befreundeten Kindern in ihr Haus mit dem großen Garten. Obwohl mein Großvater den größten Teil des Tages in seinem Arbeitszimmer verbrachte und wir aufgefordert wurden, nicht zu viel Krach zu machen, so beschäftigte er sich zusehends mehr mit unserer Bildung.

Zu allen Festen schenkte er uns Bücher, und als das nicht mehr genügte, öffnete er die "Bücherkammer", wo die Regale mit der Belletristik standen, und sagte zu mir - so ungefähr auf Dostojewski zeigend - "Bis dahin darfst du lesen." Anfang 1933, als wir auf einmal "Judenschweine" genannt wurden und die Steine flogen, rief er uns in sein Arbeitszimmer und versuchte uns zu erklären, warum manche die Juden so hassen. Wir lernten Hebräisch, er machte Kiddusch am Freitag vor dem Abendessen und las uns danach etwas vor, z. B. Scholem Alejchem auf Jiddisch oder aber auch Kant "Zum ewigen Frieden". Pessach und Chanukka wurden gefeiert.

Von 1933 bis 1938 war Buber unermüdlich aktiv in der jüdischen Erwachsenenbildung. 1924 hatte er, zusammen mit Franz Rosenzweig, angefangen, die hebräische Bibel neu - dem Hebräischen getreu - ins Deutsche zu übersetzen. Auch erschienen die Chassidischen Bücher, in denen er die Schätze der osteuropäischen chassidischen Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts nicht nur den deutschen Juden, sondern dem Westen überhaupt zugänglich machte. In diesen fünf Jahren zerstörte das totalitäre Naziregime die wirtschaftliche Existenz der Juden Deutschlands - und dann auch die der Juden Österreichs.

Die meisten suchten nun verzweifelt nach einer Möglichkeit auszuwandern. Die jüdischen Kinder waren auf den Bänken im Park und im Schwimmbad "unerwünscht". Und dann wurden sie aus den Schulen geworfen. Doch waren dies auch fünf Jahre einer kulturellen Renaissance des deutschen Judentums. Meine Schwester und ich verbrachten die Wochenenden in Mannheim mit unseren Freunden in der zionistischen Jugendbewegung "Werkleute" (diese Bewegung war sehr von Buber beeinflusst). Der Sekretär unseres Großvaters bereitete uns auf die Schule in Jerusalem vor, und er selbst gab uns Bibelunterricht.

Im Februar 1938 kamen noch viele Freunde nach Heppenheim und feierten seinen 60. Geburtstag. Im März 1938 kamen wir in Jerusalem an, wo er nun Professor für Anthropologie der Kultur an der Hebräischen Universität war und sich auf das moderne, gesprochene Hebräisch umstellen musste. Ich ging aufs Gymnasium der Universität, und meine Schwester ging bald in die Kunstschule Bezalel. Wir waren nun aufsässige Halbwüchsige und hatten oft andere Meinungen als unser Großvater. Trotzdem lernte ich später als seine Studentin viel von ihm, und es war wohl sein Einfluss, der mich die Soziologie für das Weiterstudium wählen ließ.

Von seinem Ziel der kulturellen und moralischen Erneuerung des jüdischen Volkes, statt enger orthodox-traditionalistischer oder chauvinistischer Abgrenzung von allen anderen waren meine Schwester und ich immer beeinflusst. Politisch blieben wir mit ihm auf einem Gebiet einverstanden und bewunderten ihn - mit seinem unermüdlichen Kampf für Verständigung mit den palästinensischen Arabern und - nach der Errichtung des Staates Israel - für die wirkliche und vollständige Gleichberechtigung der arabischen Bürger. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 12. 2004)

Judith Buber-Agassi ist Professorin für Sozial- und Politik- wissenschaft. Sie lebt in Herzliya/Israel. Zahlreiche internationale Gastprofessuren und Veröffent- lichungen zu Gesellschaft, Politik und Gender.
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