Wiener City-Polizist tötete in Notwehr

7. Dezember 2004, 14:58
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Beamter erschoss schizophrenen Passanten, der barfuß mit Mineralwasserflasche auf ihn zugewankte - eine Gerichtsgeschichte

Wien - Ein Polizist hat einen schizophrenen Passanten, der mit einer Mineralwasserflasche (0,33 Liter) auf ihn zugewankt war, auf offener Straße in Wien erschossen. Die Richterin stellt zwar "Ausbildungsmängel bei der Polizei" fest, glaubt aber schlussendlich an Notwehr des 32-jährigen Beamten. Er wird vom Vorwurf der "fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen" freigesprochen.

Verwirrter Mann bedrohte Geschäftsfrau

Am 31. August 2002 wurde der Streifenpolizist als Verstärkung für drei Kollegen zur Stubenbastei beordert. Ein verwirrter Mann hatte eine Geschäftsfrau bedroht. Er war schwarz gekleidet und zappelte barfuß auf dem Asphalt vor dem Lokal herum. "Er hat so ausgesehen, als hätte er keine guten Ideen", erinnert sich eine Zeugin.

Ungezielter Schuss in die Körpermitte

Als Polizisten eintrafen, verstärkte sich der psychotische Schub des Mannes. In jeder Hand hielt er eine Wasserflasche. Eine zertrümmerte er auf der Windschutzscheibe des Funkstreifenwagens, mit der anderen schritt er auf den Beamten zu - "eigentlich vollkommen plötzlich und unter Verwendung eines lauten Kampfgeschreies", sagt dieser. Da habe er sich nicht anders zu helfen gewusst und gab einen Deutschuss ab. "Was ist das?", fragt die Richterin. "Ein ungezielter Schuss in die Körpermitte, zur Selbstverteidigung", erwidert der Angeklagte. - Warum hat er nicht auf die Beine gezielt? - "Wir haben das so gelernt", sagt der Polizist, "die Körpermitte ist effektiver, als letzter Ausweg in Notsituationen." Das bestätigt auch ein Schulungsleiter der Exekutive: "Bei der Körpermitte ist das größtmögliche Ziel für einen Wirkungstreffer gegeben." Schüsse auf die Beine seien "reine Glücksschüsse". (Wie zynisch das in Anwesenheit der Familie des Toten klingt, scheint ihm nicht aufzufallen.)

Minutenlang keine Hilfeleistung

Der erste "Wirkungstreffer" zerstörte die Schlüsselbeinschlagader, ein zweiter, rasch nachgesendeter, die Beckenschlagader des Passanten. Sein Leben wäre selbst bei einem sofortigen chirurgischen Eingriff nicht zu retten gewesen, sagt der Gerichtsmediziner. - Das war aber nicht der Grund, warum Minuten lang keiner der Beamten dem am Boden liegenden Hilfe leistete. "In der Ausbildung wurde uns beigebracht, immer kurze Zeit nachzusichern", sagt der Schütze. Ein Arzt, der zufällig in der Nähe des Tatorts war und sich als Erster um den Verletzten kümmerte, erinnert sich: "Alle waren in Abwartehaltung, keiner tat was." - Der Freispruch ist noch nicht rechtskräftig. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 4.12.2004)

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