Geistesblitz: Ein Heiler im Neoliberalismus

4. Dezember 2004, 12:00
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Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer forscht für die Verlierer

Sein Einsatz für Flüchtlinge begann 1993 mit den ersten Flüchtlingsströmen aus dem zerbombten Jugoslawien. Heute werden Flüchtlinge und Opfer von Gewalt in der von Klaus Ottomeyer gegründeten Forschungs- und Beratungsstelle Aspis in Klagenfurt behandelt. Für den 55-Jährigen, seit 1983 Professor an der Uni Klagenfurt und ebenda seit 2002 Leiter der Abteilung für Sozialpsychologie, Ethnopsychoanalyse und Psychotraumatologie, ein logischer Schritt von der Theorie in die Praxis. "Ich bin von der Theorie kommend immer mehr zum psychologischen, vor allem psychotherapeutischen Handwerker geworden", sagt der in Frankfurt am Main Geborene, der über das Heidelberger Institut für Soziologie und Ethnologie schließlich am Psychologischen Institut der Freien Universität in Berlin landete, wo er sich habilitierte. Und offen zugibt, dass er "Theorien ohne Praxisbezug, wie den französischen Poststrukturalismus, kaum noch verstehen kann oder will".

Das Handwerk beherrsche Ottomeyer, wie er bescheiden hinzufügt, "einigermaßen", vor allem in der Arbeit mit Traumata oder als Lehrtherapeut für Psychodrama-Therapie. Ergebnisse finden sich in seinen zahlreichen Büchern, die den Rechtstrend in Europa, die Haider-Faszination sowie Fragen einer kritischen Sozialpsychologie und der Psychotherapie beleuchten.

Das Interesse an der kritischen Sozialpsychologie entstand im Rahmen der 68er-Bewegung, als Ottomeyer als Schüler und Student "abwechselnd an Demonstrationen teilgenommen, Professoren geärgert" und sich "in Kaffeehäusern hinter Büchern verkrochen" habe. Kein Wunder, dass er zu seinen Vorbildern Karl Marx und natürlich Sigmund Freud zählt.

Auch wenn er seine zwischen 1973 und 1977 verfassten Bücher, die von zwischenmenschlichen Beziehungen im Kapitalismus handeln, im Nachhinein selbstkritisch als "etwas altklug" bezeichnet, betrachtet er dennoch seine Kritik am Kapitalismus, der heute Neoliberalismus genannt wird, wieder als salonfähig.

Auswüchse des neoliberalen Systems in ihrer Form von Feindlichkeit gegenüber Minderheiten sind dem Psychologen, der mit der Literaturwissenschafterin und langjährigen Leiterin des mehrsprachigen Drava-Verlages, Helga Mracnikar, zusammenlebt, ein besonderer Dorn im Auge. In Kärnten, "wo fast alle mindestens eine slowenische Oma verdrängen müssen", seien manche Vorurteile besonders spürbar. Denn an den Flüchtlingen werde die schlechte Behandlung der Opfer und Verlierer des Systems generell eingeübt, die in der neoliberalen Ideologie zu selbstverantwortlichen Tätern deklariert würden: Von "Simulanten" über "Weicheier" bis hin zu "geldgierigen Egoisten" reiche die Palette an Bezeichnungen für die Verlierer durch jene, die sich zu den Gewinnern des Systems zählen würden.

Wobei das Suchtartige im "Schimpfklatsch" auf die latente Angst vor dem Absturz bei den Schimpfenden selbst hinweisen würde. Fast jede Bevölkerungsgruppe, von den Früh- und Unfallrentnern über die Eisenbahner bis hin zu den Studenten und Wissenschaftern, könne in dieses "Verfolgungsvisier" geraten. Wenn Ottomeyer den Spieß umdreht und einen mehr oder weniger prominenten Politiker wegen rassistischer "Verhetzung" anzeigt, dann entsteht die schwierige Situation, diese Aufregung mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit der Arbeit des Traumatherapeuten zu verbinden.

Dennoch betrachtet Klaus Ottomeyer die Verquickung von Wissenschaft, therapeutischer Praxis und politischem Engagement - er nennt dies "Aktionsforschung" - als für die wissenschaftliche Arbeit Gewinn bringend. Wenn nur die zahlreichen "Dramen, in die man sich dabei verstrickt", ausreichend reflektiert würden. (emu/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 12. 2004)

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    illustration: standard/oliver schopf
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