"Psychotests haben blinde ethnozentrische Flecken"

4. Dezember 2004, 11:00
posten

Klagenfurter Forschungsprojekt versucht, Missstände in der Diagnose traumatisierter Flüchtlinge zu beseitigen

Trauma ist griechisch und bedeutet Wunde, Verletzung. Ein traumatisches Ereignis ist eine tief greifende Verletzung auf psychischer Ebene, die tiefe Spuren in Körper und Seele hinterlässt. Ein Sudanese geht aber unter Umständen mit seinen traumatischen Erlebnissen anders um als eine Bosnierin. Diese wiederum weist vielleicht andere Symptome auf als er. Doch beide können sie Opfer von Vergewaltigung, Folter oder Kriegserlebnissen geworden sein. Oder sie haben mit angesehen, wie Freunde, Familie, Nachbarn niedergemetzelt oder grausam terrorisiert wurden.

Gemein ist den beiden, dass sie, wie die meisten der Flüchtlinge oder Asylwerber, an traumatischem Stress, Depressionen und auch körperlichen Beschwerden leiden, wie das Forscherteam, bestehend aus Walter Renner, Ingrid Salem und Klaus Ottomeyer vom Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt, erklärt.

Die Art und Weise aber, das Erlebte später zu formulieren und darauf zu reagieren, ist bisweilen von Kultur zu Kultur verschieden, das Trauma manchmal erst nach längerer Therapie hinter den kulturspezifischen Symptomen - wie körperlichen Schmerzen oder magischen Verfolgungsängsten - überhaupt erkennbar.

Ob diesen Flüchtlingen nun die posttraumatische Belastungsstörung bescheinigt wird und sie somit unter die Schutzbestimmungen der neuen Asylgesetzgebung für Folteropfer und traumatisierte Personen fallen, hängt einzig und allein von der Diagnose ab. Und diese sei bislang in vielen Fällen "auf Basis unzulänglicher Messsysteme erstellt worden, die westliche Maßstäbe angelegt" hätten, wie das Team kritisiert. Die internationalen psychiatrischen Klassifikationssysteme hätten zwar diagnostische Kriterien für die Belastungsstörung konzipiert, aber aus der Literatur sei bekannt, dass diese diagnostischen Kategorien die medizinischen und psychologischen Kategorien westlicher Industriegesellschaften reflektieren. "Sie können nur teilweise auf andere Kulturen übertragen werden", erklärt Ottomeyer (siehe Geistesblitz) die "blinden, ethnozentrischen Flecken herkömmlicher psychologischer Tests".

Dass der Umgang mit traumatischen Ereignissen von kulturellen Faktoren abhängt, ist zumindest in Österreich eine noch sehr junge Erkenntnis, auf welche die Wissenschaft und - im besonderen Maße - die Politik nur zögerlich reagieren. Um dem abzuhelfen, bedient sich das Forscherteam neuer Messinstrumente, die bereits erfolgreich im Zusammenhang mit anderen Kulturkreisen angewandt wurden und Aufschluss über die psychologische Belastung oder den klinischen Zustand der Asylwerber geben. Es handelt sich dabei um psychologische Tests wie die Hopkins Symptom Checklist-25 oder das Harvard Trauma Questionnaire. Für die Arbeit mit weiteren ethnischen Gruppen müssen die Tests jedoch kulturübergreifend überprüft werden. In einem vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt sollen nun diese Instrumente an insgesamt 150 Asylwerberinnen und Asylwerbern erprobt werden, die aus Afghanistan, Tschetschenien und Westafrika nach Österreich kamen.

"Wir wollen mittels diagnostischer Interviews mit den Flüchtlingen herausfinden, wo es Berührungspunkte zwischen den einzelnen Kulturkreisen gibt, ob und wie gut sich aufgrund gegebener Messwerte unterschiedliche Gruppen voneinander trennen beziehungsweise zuordnen oder klassifizieren lassen", sagt Projektmitarbeiter Walter Renner. Zum Schluss sollen für jede ethnische Gruppe geeignete Instrumente erstellt werden. Das Projekt kann so den von den Behörden beauftragten Sachverständigen, die bei Asylwerberinnen und Asylwerbern Traumatisierung zu diagnostizieren haben, "eine Batterie kulturspezifischer Tests anbieten, welche, zusammen mit persönlichen Interviews, zu einer gesicherten Diagnose posttraumatischer Belastung bei unterschiedlichen ethnischen Gruppen beiträgt", sagt Ottomeyer.

Erste Interviewergebnisse zeigen, dass es eine beträchtliche Anzahl von Flüchtlingen gibt, deren Leben im Heimatland bedroht ist, die aber keine klinischen Symptome entwickeln. Deshalb sei es wichtig, so das Team, den Anspruch auf politisches Asyl - als ein Menschenrecht - nicht nur über die Traumadiagnose anzuerkennen. Und unabhängig davon, ob der Verfolgte klinische Symptome entwickelt oder nicht. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 12. 2004)

Share if you care.