Molekulare Speckbremse entdeckt

10. Dezember 2004, 18:31
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Hauptenzym für Fettstoffwechsel gefunden: neue Arzneien möglich

Der Grazer Molekularbiologe Rudolf Zechner und sein wissenschaftliches Team sind mit der Entdeckung des Hauptenzyms für die Zerlegung von Tri- in Diglyzeride einen wichtigen Schritt zum Verständnis der Fettstoffwechselvorgänge im menschlichen Organismus weitergekommen: Das identifizierte Fett spaltende Enzym - eine so genannte Lipase - soll für den ersten Schritt im Fettspaltungsprozess von Triglyzeriden in Monoglyzeride hauptverantwortlich sein, fanden die Forscher des vom Wissenschaftsministerium geförderten österreichischen Genomforschungsprogramms GEN-AU im Zuge ihres Projektes "Erkrankungen des Fettstoffwechsels verstehen (GOLD - Genomics of Lipid-Associated Disorders)" fest. Bis zu diesem Durchbruch hatten Fettstoffwechselexperten weltweit angenommen, dass die hormonsensitive Lipase HSL diese wichtige Rolle spielt, doch im Laborversuch blieben Mäuse, denen HSL fehlte, wider Erwarten schlank.

Zechner und seine Mitarbeiter haben das von ihnen entdeckte Hauptenzym für die Zerlegung von Tri- in Diglyzeride ATGL (Fettgewebe Triglyzerid Lipase) genannt und bereits für mögliche zukünftige Fettstoffwechselmedikamente patentieren lassen. Mit dem Wissen um das Geschehen im Fettstoffwechsel können Medikamente wie Appetitzügler oder Pillen, die die Fettaufnahme in den Körper blockieren, gezielt, statt wie bisher nur experimentell, entwickelt werden. Der Bedarf an solchen Präparaten ist groß: Etwa 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden an Übergewicht. Erhöhte Triglyzeridwerte sind meist die Folge von falscher Ernährung, Alkoholkonsum und mangelnder Bewegung. Die Ablagerungen von Fettbausteinen in den Blutgefäßen können zu Herzerkrankungen oder Schlaganfällen führen.

An diesem außergewöhnlichen Ergebnis waren sechs Forschungsgruppen aus den Bereichen Genomforschung und Bioinformatik verschiedener Institute der Technischen Universität Graz und der Karl-Franzens-Universität Graz beteiligt. Die Forschungskooperation vereinte hochspezialisierte Techniken, Methoden und intellektuelle Vielfalt, die unterschiedlichen fachspezifischen Zugänge erleichtern das Erkennen von interdisziplinären Zusammenhängen. Das schaffte einen großen Vorteil gegenüber traditionellen Forschungsteams: "Andere waren vielleicht auch schon so weit, aber da ihnen das Netzwerk fehlt, war ihnen nicht bewusst, was sie vor sich haben. Ohne GEN-AU hätten wir die Bedeutung des Enzyms nicht herausgefunden", ist sich die Projektmanagerin Caroline Schober sicher. Mit ihrer Entdeckung haben es die Wissenschafter zu einer Veröffentlichung im renommierten US-amerikanischen Wissenschaftsmagazin Science Magazine gebracht, eine Ehre, die Forscherinnen oder Forschern der Universität Graz noch nie zuvor zuteil geworden war.

Der inzwischen zur Volkskrankheit avancierten Fettleibigkeit liegen - neben anderen Ursachen - Fettstoffwechselstörungen zugrunde, die zur übermäßigen Einlagerung von Triglyzeriden im Fettgewebe und zur Ablagerung von Cholesterin an der Arterienwand führen. Das Ziel des GEN-AU-Projektes ist die Entdeckung und funktionelle Aufklärung jener Gene und Proteine, die am Prozess der zellulären Lipidaufnahme und -ablagerung beteiligt sind. Übergewicht, nicht insulinabhängiger Diabetes mellitus und Herzerkrankungen sind in westlichen Zivilisationen Massenerkrankungen. Mit rund 15 Millionen Todesfällen pro Jahr sterben ungefähr doppelt so viele Menschen weltweit an kardiovaskulären Erkrankungen wie Herzinfarkt und Gehirnschlag als an Krebs. Durch Genomanalysen mittels Mikrochiptechnologie und Bioinformatik sollen medizinisch interessante Gene identifiziert, anschließend die Struktur und die physiologische Funktion der neuen Genprodukte charakterisiert werden. Ihre Rolle bei der Entstehung der erwähnten Erkrankungen soll untersucht und die potenzielle medizinische Nutzbarkeit erforscht werden. Die erhaltenen Resultate können einen wichtigen Beitrag zum Verständnis zentraler Stoffwechselprozesse und der Pathogenese häufiger Zivilisationskrankheiten liefern.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 12. 2004)

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