"G'stopfte und G'scherte"

10. Dezember 2004, 19:26
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Über Nachdenkpausen, Heimatpathos und Prozess-Schutz in der Au sprach Antal Festetics im STANDARD-Interview

der Standard: War Hainburg ein Wendepunkt in der österreichischen Politik?
Festetics: Ganz gewiss! Eine geradezu perverse Allianz von Großkapital und Gewerkschaft hat Bauarbeiter und Baumfäller mit demagogischen Parolen gegen das restliche Österreich aufgehetzt. Uns aber ist es gelungen, in Hainburg dem Naturschutz das erste Mal zum Sieg zu verhelfen. Vorher war Österreich diesbezüglich das Schlusslicht in Europa, nach Hainburg sind wir ganz nach vorne gerückt. Und Hainburg hat schließlich in den Köpfen der Politiker einen Paradigmenwechsel eingeleitet.

der Standard:Hainburg war also ein europäisches Ereignis?
Festetics: Naturschutz ist ein globales Anliegen. Die Rettung der Donau-Auen vor einem Kraftwerksmonster war in der Tat ein europäisches Ereignis. Was Österreich betrifft: Es waren unter den Au-Besetzern Stadt und Land vertreten, G'stopfte und G'scherte, ganz besonders aber Künstler, die ein feines Sensivum für das Schöne und Unwiederbringliche haben.

der Standard:War Hainburg für Österreich auch basisdemokratisch bewusstseinsverändernd?
Festetics: Doch. Wenn ein Lehrling aus Vorarlberg per Anhalter in die Au gefahren ist, betrifft das zwar noch nicht alle Stammtische des Landes, aber die Sache hatte Sogwirkung. Die Kronen Zeitung hat uns sehr geholfen.

der Standard:Wäre es ohne Krone so erfolgreich gelaufen?
Festetics: Es wäre schwieriger gewesen. Es wurde über die Krone informiert, weil der ORF eine Berichterstattungssperre zu den Prügelszenen verhängt hatte. Der Einzige, der uns außer Konrad Lorenz beiseite stand, war Kardinal König, der sagte: Das sind junge Leute, die haben ein Anliegen, das muss man sich anhören.

der Standard:Wie waren Sie in Hainburg involviert?
Festetics: In Hainburg war ich ungewollt in die Rolle eines Naturschutzdiplomaten geraten. Da ich bemüht war, stets Meinung und Person auseinander zu halten, konnte ich auch mit fachlichen Gegnern menschlich kommunizieren. Natürlich bin ich mit meinen Studenten in die Au gefahren, um Widerstand zu leisten. Als mich aber der damalige Kanzler Sinowatz anrief und bat, ein Treffen mit dem Nobelpreisträger Konrad Lorenz einzufädeln, habe ich das auch getan. Wir standen ja knapp vor einem Bürgerkrieg.

der Standard:Wie kam es zu dem historischen Handschlag?
Festetics: Als langjähriger Lorenz-Mitarbeiter bin ich zu ihm, aber Lorenz hat zu Recht gesagt: Da muss ein Ergebnis herausschauen. In der Silvesternacht haben ein Sinowatz-Sekretär, Bernd Lötsch und ich um jedes Wort in der Rede gefeilscht, die Sinowatz im Ministerrat halten sollte. Von dieser Rede hat Lorenz abhängig gemacht, ob er sich mit dem Kanzler trifft. Das Treffen ist gelungen und der Kanzler hat dort die legendäre "Nachdenkpause" zugesichert..

der Standard:War Hainburg die Geburtsstunde der Grünen?
Festetics: Das war eher Zufall, auch in anderen europäischen Staaten sind damals die Grünen entstanden. Bemerkenswert war, dass Freda Meissner-Blau als Präsidentschaftskandidatin jene fünf Prozent bekommen hat, die Kurt Steyrer gefehlt haben, weil er vorher als Umweltminister in der Au nicht präsent war. Historisch betrachtet ist der Naturschutz in Österreich eher rechtslastig gewesen. Die Naturschutzaktivisten kamen von der bürgerlichen Seite. Die deutsche Grünbewegung kam im Gegensatz dazu mehr aus der linken Ecke, wie etwa Joschka Fischer und Cohn-Bendit. In der von Karl Renner gegründeten sozialistischen Naturfreunde-Bewegung ging es im Wesentlichen um Gesundheitsschutz, um Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Konservativen waren im Glauben, dass alles, was sie in der Natur machen, zu deren Schutz ist - von der Jagd bis zur Schädlingsbekämpfung.

der Standard:Kann man von einem Hainburg-Heimatpathos sprechen?
Festetics: Wenn man in Österreich Heimat sagt, ist man schnell in der Blut- und Bodendiktion. Heimat im strengen Sinn war Hainburg für ein paar niederösterreichische Bauern. Aber Hainburg war auch ein internationales Anliegen, da mussten sich auch deutsche und schweizer Helfer prügeln lassen. Hainburg war kein Ideologiekampf, in Hainburg ging es, allen voran, um ästhetische Werte. Das war ein neuer Heimatbegriff, und zu dem stehe ich. Aber ein Nationalpark ist das Gegenteil von einem National-Park: Er ist weder "national" noch ein "Park".

der Standard:Würde Hainburg heute noch funktionieren?
Festetics: Es wäre wahrscheinlich ein rascherer Erfolg, weil es heute mehr Naturschützer gibt. Das Tolle damals war, dass immer ein Kopf der Sache gesucht wurde, aber den gab es in Hainburg nicht. Jeder hat gewusst, was zu tun war. Das Entscheidende war die Allianz der Naturschützer und Künstler. Die DoKW hat uns unmoralische Angebote gemacht. Sie wollten verlorene Paradiese durch verlogene Paradiese ersetzen, aber hinter Staumauern können keine natürlichen Abläufe mehr stattfinden. Es geht im Auwald nicht nur um Arten- oder Biotopschutz, sondern vor allem um Prozessschutz. Die biologische Produktion der Donauauen ist nur noch mit dem Amazonas vergleichbar.

der Standard:War Hainburg ein Stellvertreterkrieg? Waren Naturschutzanliegen überhaupt wichtig?
Festetics: Das wollten manche so sehen, stimmt aber nicht. Zeigen Sie mir eine Hauptstadt, wo im Stadtgebiet schon der Nationalpark beginnt. Wo man mit dem Fahrrad vom Stadtzentrum aus in 30 Minuten unter einer Reiher-Kolonie steht. Ob Stellvertreterkrieg oder nicht ist unwichtig. Entscheidend ist, was am Ende herauskam. Und wir haben einen Nationalpark. Und Schluss. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.12.2004)

Zur Person

Antal Festetics ist Professor am Institut für Wildbiologie an der Universität Göttingen.

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    Am 12. Jänner kam es in Klosterneuburg endlich zu einem Treffen zwischen Kanzler Fred Sinowatz und Nobelpreisträger Konrad Lorenz. Und dem historischen Handschlag folgte die legendäre Nachdenkpause - und ein Nationalpark. Mit dabei: Einfädler des Treffens Antal Festetics.

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