Panik verhindert Realitätsbezug

12. Dezember 2004, 21:15
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Psychotherapeut: "Den Rekruten war es in solch einer extremen Situation wahrscheinlich unmöglich, noch zwischen Realität und fiktiver Übung zu unterscheiden"

"Den Rekruten war es in solch einer extremen Situation wahrscheinlich völlig unmöglich, noch zwischen Realität und fiktiver Übung zu unterscheiden", ist der Linzer Psychotherapeut Wolfgang Schnellinger nach einer ersten Analyse des "Misshandlungsvideos" aus der Kaserne Freistadt überzeugt.

Angst lähmt

Die Angst lähme die Betroffenen. "Wie auch am Video klar zu erkennen ist, sind die jungen Soldaten bereits völlig orientierungslos. So konnte einer der Rekruten nach den Peinigungen nicht einmal mehr seine Schuhe ausziehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sie auch tatsächlich um ihr Leben gefürchtet und sind dadurch in eine Todespanik geraten", so Schnellinger. Besonders verschärft sei dieser "Psychoterror" durch die Sandsäcke über den Köpfen worden. Ob die Betroffenen bleibende Schäden davontragen würden, sei jetzt noch nicht zu beantworten.

Ausgeprägte sadistische Ader der Ausbildner

"Viel hängt dabei von den einzelnen Persönlichkeitsstrukturen ab. Wenn einer schon im Vorfeld eher psychisch labil war, kann es durchaus sein, dass die betroffene Person ein Leben lang an den Misshandlungen zu leiden hat", betonte der Psychotherapeut im Gespräch mit dem STANDARD. Besonders auffallend sei die "stark ausgeprägte sadistische Ader der Ausbildner", so Schnellinger. Auf dem Video sei allein an der Körpersprache deutlich zu erkennen, dass die Ausbildner "sichtlich Spaß an den Erniedrigungen haben". Die Aufnahmen würden auf schockierende Weise zeigen, welche Auswirkungen "der Reiz der Unterdrückung und die Faszination der Macht haben können", erklärte Schnellinger.

Psychologische Hilfe

Es sei jetzt besonders wichtig, dass man den Betroffenen die Möglichkeit einer professionellen Hilfe bietet. "Ein Großteil der Soldaten hat wahrscheinlich bis heute über mögliche Traumata geschwiegen", fürchtet Schnellinger. (DER STANDARD Printausgabe 4.12.2004)

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