Geht uns (wieder mal) das Öl aus?

8. Februar 2005, 16:08
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Der gegenwärtige Anstieg zeigt, dass Menschen noch immer nur allzu bereit sind, sich die Geschichten über die Erschöpfung der Ölvorkommen zu Eigen zu machen - Gastkommentar von Robert J. Shiller

Noch im Oktober lagen die Ölpreise weit über 50 Dollar pro Barrel, teils wegen kurzfristiger Angebotsschocks wie Irakkonflikt oder Yukos-Konflikt; seither sind sie wieder gefallen, können aber durch Spekulationen leicht wieder steigen. Selbst wenn der Ölpreis nur kurzfristig steigt, kann dies langfristige Auswirkungen haben, weil hohe Ölpreise die Diskussion über die zukünftige Preisentwicklung anheizen. Auch wenn die jüngsten Erhöhungen durch kurzfristige Faktoren verursacht wurden, verleihen die hohen Preise Schauergeschichten zur langfristigen Entwicklung Glaubwürdigkeit.

Die gegenwärtige Schauergeschichte betrifft China und Indien. Das rapide wirtschaftliche Wachstum dieser Länder soll eine unstillbare Nachfrage nach Öl herbeiführen. Die Implikation ist, dass der Welt das Öl schneller als gedacht ausgeht, da Milliarden ihre Träume vom großen Haus und Auto verwirklichen wollen.

Sicherlich entwickeln sich China und Indien sehr schnell. Experten tun sich aber schwer, die langfristigen Auswirkungen auf den Energiemarkt zu bestimmen. Zu vieles bleibt unklar: die tatsächliche Zunahme der Energienachfrage, Entdeckung neuer Ölreserven, Entwicklungen bei Öl sparenden Technologien und der Ersatz von Öl.

Die Erwartungen erfüllen sich selbst

Für den Ölpreis spielen jedoch nicht die Unwägbarkeiten, sondern die Aufnahme der Geschichte eine Rolle. Wenn Menschen von künftig steigenden Preisen ausgehen, dann werden sie schon heute steigen - so funktionieren Märkte. Wenn mit einem Ölpreisanstieg gerechnet wird, werden Eigentümer der Ölreserven kostspielige Investitionen in Exploration und Kapazitätsausweitung zurückstellen. Sie werden lieber später, wenn die Preise höher sind, ihr Öl verkaufen und sich mit Angebotserhöhungen zurückhalten. Die Erwartungen erfüllen sich selbst: Die Ölpreise steigen, eine Spekulationsblase ist geboren. Wenn die Eigentümer jedoch von langfristig fallenden Preisen ausgehen, ist dies ein Anreiz, jetzt nach Öl zu suchen und die Produktion auszuweiten, um - bevor die Preise fallen - so viel Öl wie möglich zu verkaufen. Die resultierende sprunghafte Angebotszunahme drückt die Preise, verstärkt Erwartungen weiterer Senkungen und ruft das Gegenteil einer Spekulationsblase hervor: einen Preiszusammenbruch.

All dies mag offensichtlich sein, nur glauben wir nicht daran, dass Ölpreise von der Erwartung künftiger Preisentwicklungen bestimmt werden. Hier hilft ein Beispiel: Im Januar 1974, als die erste weltweite Ölkrise begann, verdoppelten sich die Preise in wenigen Tagen. Als Auslöser galt Israels verblüffender Erfolg im Jom-Kippur-Krieg, für den die arabischen Ölproduzenten durch gedrosselte Produktion Vergeltung übten. Die zweite Ölkrise, 1979, wird auf Angebotsstörungen im Persischen Golf im Anschluss an Iranische Revolution und Beginn des iranisch-irakischen Krieges zurückgeführt.

Spekulative Einflüsse

Warum aber verharrten die realen, inflationsbereinigten Ölpreise bis 1986 auf dem Niveau von 1974 oder darüber? Hier dürften spekulative Einflüsse am Werk gewesen sein, die die Entscheidungen der OPEC und anderer beeinflussten. So veröffentlichten 1972 Wissenschafter das Buch "Die Grenzen des Wachstums", das eine Debatte darüber auslöste, ob die Welt in Kürze aufgrund der Verknappung von Öl vor enormen Problemen stehen würde. Nach 1979 schwanden Befürchtungen über die Grenzen des Wachstums und die Atomkraft langsam. Die Ölpreise fielen allmählich, und der Aktienmarkt begann seinen langen Anstieg bis zu seinem Höchststand im Jahre 2000.

Der gegenwärtige Anstieg zeigt, dass Menschen noch immer nur allzu bereit sind, sich die Geschichten über die Erschöpfung der Ölvorkommen zu Eigen zu machen, auch wenn tatsächlich kurzfristige Faktoren am Werk sind. Wir wollen hoffen, dass die Auswirkungen des gegenwärtigen Preisausschlags von kürzerer Dauer sein werden. Darauf verlassen sollten wir uns aber nicht. (Project Syndicate, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.12.2004)

Zur Person

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University.
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