Politische Stromschnellen

10. Dezember 2004, 19:26
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Die Au-Besetzung als Räuber- und Gendarmspiel, Stellvertreterkrieg oder große Stunde der Ökologie?

Am Umgang mit Gegenstimmen zeigt sich in der Regel, was los ist, auch in der Stopfenreuther Au 1984. Von Christian Reder.

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Den Idealfall, vielleicht sogar Idealtypus eines österreichischen Wissenschafters - Weltrang, Nobelpreis, milder, bärtiger Blick, versöhnliche Haltung gegenüber allem, was recht(s) ist - hatte ich schon vor den "Ereignissen" kennen gelernt, unter anderem beim Nacktbaden am Donauufer in der Nähe seines Domizils in Altenberg: Konrad Lorenz (1903-1989).

Dass diese sein Leben prägende Flusslandschaft durch das dortige Kraftwerk völlig entstellt wurde, ist von ihm, so hat er mehrfach eingestanden, schlicht viel zu spät realisiert worden. Der gelegentliche Blick auf die Atomruine Zwentendorf blockierte offensichtlich die Beschäftigung mit Naheliegendem. Also hat er als Galionsfigur von Hainburg versucht, Versäumtes nachzuholen. Wenigstens auf der letzten freien Strecke vor dem Eisernen Vorhang sollte der Donau nicht noch mehr von ihrer Natürlichkeit genommen werden.

Bemerkenswerte Gegend

Dabei war, unter Einbeziehung österreichischer Konsortien, jenseits davon längst das schließlich wegen der massiven Proteste in Ungarn nur halb fertig gestellte Kraftwerk Gabcikovo/Nagymaros in Planung. Dann wurde das Wärmekraftwerk Dürnrohr errichtet. Wien liegt nun an einem energie-ökonomisch immer wieder problematisierten Stausee. Solche Fakten und von Abstimmungen und Bürgerinitiativen begleitete politische Schwenks machen diese hundert Flusskilometer auch aus dieser Sicht zu einer bemerkenswerten Gegend.

Österreich hätte mit seinem Zwentendorf-Image zum Forschungszentrum für alternative Energien schlechthin werden können, um einen Bruchteil der verlorenen Milliarde Euro; das ist mir sogar von unter Druck der Atomlobby nach Kanada ausgewichenen US-Experten bestätigt worden.

Aber selbst Tschernobyl - der 26. April 1986 also - hat, so Alexander Kluge in seinen Recherchen vor Ort, "zu keinem wesentlichen Lernprozess geführt".

Systematisches Ausblenden

Die tatsächlichen Folgen bleiben systematisch ausgeblendet. Bis zu acht Millionen Menschen sollen an schleichenden Kontaminierungssymptomen leiden (Susan Boos, 1996), trotzdem ziehen viele wieder in die stark verstrahlte Zone, weil sie es dort vordergründig immer noch besser haben als anderswo.

Solche Querbezüge relativieren nichts an der Regionalgeschichte mit ihren kabarettistischen Erinnerungsfacetten, machen aber Polarisierungen deutlich. Absurd-autoritäre Feindbilder weiten sich sogar aus. Frei nach CIA-Muster geht es immer um eine Unruhe stiftende "Szene", um Chaoten, Linke, weltfremde Idealisten, ferngesteuerte Kräfte. Das wird - je nach der eingenommenen Position - in Wien spürbar, bei den Donnerstagsdemonstrationen etwa, wie in Genua oder jetzt in Kiew.

Abschaffung rudimentärer Demokratie

Sogar Übungsfelder für gewaltlos auszutragende Konflikte, für Selbstorganisation, für eine Projektkultur werden von Vertretern programmierter Auftritte für überflüssig gehalten, wie sich nicht zuletzt an der Abschaffung der rudimentären Demokratie an Universitäten zeigt.

Etwas Einmaliges jedenfalls ist in Hainburg nicht passiert. Sich an den Protesten zu beteiligen, war in meinem Umfeld, so wie für tausende andere, aus einem Bündel von Motiven angebracht. Zur unmittelbaren Vorgeschichte gehören der Arena-Sommer, das Abwenden von Zwentendorf. Und im Jahr nach Hainburg begann die Waldheim-Debatte. . . Die Konflikte damals ließen manchmal noch Klärungsprozesse erwarten. Im wegen des Personals, der Ausdrucksweisen, der ORF-Politik enger gewordenen Klima seither hat sich aber ein konträres "Normalisieren" fortgesetzt.

Waldheim hat nicht verstanden, was vor sich ging

Fortgesetzt hat sich, was der einzige markante ÖVP-Funktionär, mit dem sich gelegentliche Kontakte ergaben, mir zu Waldheim gesagt hat; dieser habe einfach nicht verstanden, was vor sich ging. Unter den wie nationalistische Buchhalter agierenden Nachfolgern ("Österreich zuerst") sind ostentatives Nicht-Verstehen und ein Ausblenden des Sozialen der Grundtenor, ganz so wie im gläubigen, amerikanischen Mittelwesten. Nun tonangebende, analog dazu funktionierende Burschenschafter und ihre Kreise haben in kulturell-zivilgesellschaftlichen Prozessen der hier skizzierten Art nie eine anhaltend positive Rolle gespielt. Mit "bürgerlich" oder "liberal" hat all das nichts zu tun. Wahlergebnisse in den wachen Innenbezirken Wiens und diversen Städten deuten wenigstens Gegentendenzen an.

Ironische Aktionen

An Hainburg ist vergleichsweise signifikant, dass selbst hinter der Betonfraktion in SPÖ und Gewerkschaft Konsenskräfte aufgetaucht sind. Ein Kraftwerksgeneral Kobilka konnte, durch ironische Aktionen irritiert, schließlich entmachtet werden. Aufputschende Arbeitervertreter wie Josef Hesoun oder der sich damals stark fühlende Innenminister Karl Blecha machten Fronten deutlich, kamen damit aber nicht durch.

Ohne dass das Hin- und Herschwenken der Kronen Zeitung gerade gepasst hätte, wäre es kaum zu einem Einlenken gekommen. Anderswo ergaben sich aus solchen Unruheherden Lebenswege wie der eines Joschka Fischer. Hierzulande sind damalige Hauptaktivisten in den Museumsbereich befördert worden, Bernd Lötsch hat am meisten profitiert und bekam das Naturhistorische, Dieter Bogner diverse Beratungsfunktionen.

Gründungsgrüne

Freda Meissner-Blau wurde zur schließlich enttäuschten Gründungsgrünen. TV-Auftritte lächelnder Konrad-Lorenz-Schüler machen Natur in ihren hellen und dunklen Seiten bewusster. Für medial integrierte Schreiber günstige Wendungen führt der seinerzeitige Auhirsch Günther Nenning vor Augen. Der verdienstvolle Unfallchirurg Werner Vogt (Sozialstaats-Volksbegehren), ein anderer der Akteure, wurde immerhin Wiener Pflege-Ombudsmann für das Gesundheitswesen.

Meine Gruppierung, mit Künstlern wie Max Peintner oder Walter Schmögner, war Teil der anonymen Au-Besetzer. Der damalige Rektor der Angewandten, Oswald Oberhuber, ließ sich von mir zu den Schauplätzen führen. Sein Zusammentreffen mit Hundertwasser blieb ein fast wortlos vorübergehender Moment. Irgendwie war das alles ganz normal, nur angeheizt von dem, was einem als Politik vorgesetzt wurde. An der temporären Zivilgesellschaft hat teilgenommen, wer gerade da war, wer Zeit hatte. Distanzen zu diesem und jenem haben sich vergrößert, gewisse Gesprächslinien und - zwangsläufig privatisierte - Projekte wurden fortgesetzt, schon der eigenen Orientierung wegen.

Durchfrorene Entscheidungsnacht

Nach der entscheidenden, im Dezember 1984 durchfrorenen Nacht in Hainburg bin ich zu einem Termin wegen der Finanzierung des Falter-Verlages gehastet. Mit dem wohlmeinenden und wohlhabenden linksliberalen Gegenüber ergab sich ein gutes Gespräch, aber nichts Konkretes. Die einlangende Strafe wegen Falschparkens am Rande der Au habe ich anstandslos bezahlt. Unlängst erst ist das kühne, von Coop Himmelb(l)au konzipierte Besucherzentrum des Nationalparks durch eine Volksbefragung zu Fall gebracht worden. Offensichtlich sind Politiker diesmal vor Kräften aus den eigenen Reihen zurückgeschreckt, die es gar nicht mehr nötig haben, groß zu demonstrieren. (DER STANDARD, Printausgabe 4./5.12.2004)

Zur Person

Christian Reder ist Autor, Essayist und Professor an der Universität für angewandte Kunst, Wien.

  • Friedensreich Hundertwasser (links) während der Aubesetzung im Dezember 1984.

    Friedensreich Hundertwasser (links) während der Aubesetzung im Dezember 1984.

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    An der temporären Zivilgesellschaft hat teilgenommen, wer gerade da war, wer Zeit hatte.

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