Volksschullehrerin: "Renne gegen Wände"

16. Dezember 2004, 16:57
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Annemarie Stingl mahnt Elternverantwortung ein

"Einstein" kommt einmal pro Woche in die Otto-Glöckl-Schule nach Linz. Volksschullehrerin Annemarie Stingl, stolze Besitzerin des Therapie-Zwergschnauzers, benutzt ihn, um die Kluft zwischen "türkischstämmigen und albanischen" Kindern in ihrer Klasse zu überbrücken.

Nur zwei der 15 Schüler, die Frau Stingl unterrichtet, sind in Österreich geboren. Ähnlich die Zusammensetzung in der gesamten Schule: "80 Prozent der Schüler sind Türken", sagt Stingl. Also eigentlich Österreicher, weil zweite Generation. Und besonders die seien es, deren Eltern nicht die Bereitschaft hätten, Deutsch zu lernen. Stingl: "Ich mag das Wort Parallelgesellschaft nicht, aber es ist wirklich so - die leben in ihrer eigenen Welt."

Da würden auch die 108 Begleitlehrerstunden für elf Klassen nichts helfen. Bei einer Leseaufgabe renne sie als Lehrerin "gegen Wände". Daheim lese niemand mit den Kindern. "Wenn ich sage, sie sollen über das Wochenende noch einmal die Spatzenpost verinnerlichen, können sie am Montag schlechter lesen als nach einer Stunde Übung. Ich muss immer wieder bei null anfangen." Stingl appelliert, man dürfe "das Elternhaus" hier "nicht aus der Verantwortung nehmen".

Ganz allergisch ist die Lehrerin auf das Argument, auch in Kanada wäre der Anteil der nicht englischsprachigen Kinder hoch: "Da wird ganz streng geprüft nach Fähigkeiten. Die lassen nur diejenigen herein, die dem Land etwas bringen."

Deutsch für Eltern

Und der viel gepriesene Muttersprachenunterricht sollte, sagt Stingl, nicht Teil des regulären Stundenplans sein. Stattdessen plädiert sie dafür, in eine weitere Deutsch-Förderstunde "mit den Eltern zusammen" zu investieren. Denn spätestens jetzt, mit den neuen Pisa-Ergebnissen, sei es höchste Zeit zu handeln: "Wir Lehrer plagen uns redlich, und es ginge auch, wenn da nicht die Bildungsunwilligkeit und -un- fähigkeit der Eltern wäre." Die hätten nämlich "noch immer nicht kapiert, dass es notwendig ist, sich die deutsche Sprache anzueignen".

Das sagt Stingl auch immer wieder der Partnerin ihres Sohnes. Die junge Frau ist Türkin und spricht perfekt Deutsch. Ihre Eltern hingegen, die seit 30 Jahren in Österreich leben, sind durch das Nicht-beherrschen der Sprache isoliert. Stingl, die trotz aller Schwierigkeiten immer noch begeisterte Lehrerin ist, kann so etwas nur schwer verstehen. Dagegen ist selbst "Einstein" machtlos.

(Karin Moser/DER STANDARD-Printausgabe, 4.12. 2004)

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