Gehrers "Problemkinder"

6. Dezember 2004, 16:27
9 Postings

Debatte über Schulförderung von Migrantenkindern - ÖVP denkt über Gratis-Kindergärten und Pflicht-Vorschule nach

Zwischen Bund und Wien tobt eine Debatte, wer denn nun Geld und Ressourcen für die Schulförderung von Migrantenkindern stellen muss. Die ÖVP denkt mittlerweile offen über kostenlose Kindergärten und ein verpflichtendes Vorschuljahr nach.

* * *

Es war ein reflexartiger Erklärungsversuch, und er traf wohl die Stimmung der Mehrheit im Land: An den schlechten Pisa-Ergebnissen sei "sicher auch der hohe Ausländeranteil, gerade in den Volksschulen, mit schuld", sagte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) dem STANDARD.

Die Zahlen unterstützen Gehrer: Laut Schulstatistik gab es im Schuljahr 1994/1995 neun Prozent Schüler nicht deutscher Muttersprache. Bis 2001/2002 ist ihr Anteil bereits auf elf Prozent gestiegen. Wien fiel schon damals mit einem Anteil von 23 Prozent nicht deutschsprachiger Schüler aus der Reihe. Im Jahr 2001/2001 stieg diese Zahl noch einmal auf 29 Prozent.

Ein Spezialfall ist die Volksschule: Im Schuljahr 2001/ 2002 gab es hier bereits 16 Prozent nicht deutschsprachiger Kinder. Vergleichsweise höher ist der Anteil wieder in Wien: Hier sind es ganze 39 Prozent.

"Das Problem der Migrantenkinder trifft vor allem Wien", folgert ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon im STANDARD-Gespräch. Hinter dieser Aussage steht auch ein politstrategisches Motiv: Vor allem die rote Bundeshauptstadt soll als Problembrennpunkt dargestellt werden. Dass Wien unter den Budget-und Personalkürzungen des Bundes leidet, verschweigen ÖVP-Politiker hingegen gerne.

Diese Kürzungen sind aber dramatisch: Anders als früher, ringt man auch in der Bundeshauptstadt mit der Schlüsselzahl 14,2. So viele Schüler entsprechen nämlich einem Dienstposten. Mit diesem "unflexiblen" Schlüssel müssten alle Maßnahmen, inklusive Begleitlehrer für Kinder ohne deutsche Muttersprache, abgedeckt sein, sagt Regina Grubich-Müller, Leiterin des Referats für Schulentwicklung im Wiener Stadtschulrat. Der Effekt: "Die Kürzungen gehen vor allem zulasten des interkulturellen Lernens."

Für die Wiener Integrationsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) ist die Schuldzuweisung Gehrers daher "eine doppelte Chuzpe". Man könne nicht die nicht deutschsprachigen Schüler für das Pisa-Ergebnis verantwortlich machen und gleichzeitig bei den Begleitlehrern kürzen. Zudem sei der Vorwurf "inhaltlich falsch".

Man müsse sich natürlich besonders um diese Schülergruppe kümmern, sagt auch Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz.

Muttersprache lernen

Nur gerade in diesem Bereich würden gezielte Maßnahmen fehlen. So müsse es auch bereits im Kindergarten muttersprachlichen Unterricht geben, denn, so Brosz: "Der Erwerb der eigenen Muttersprache ist extrem wichtig für das erlernen einer anderen Sprache." Brosz plädiert außerdem dafür, dass die finanziellen Hürden bei den Kindergärten fallen. Ab tausend Euro Familieneinkommen müsse in Wien ein Beitrag gezahlt werden. Geld, das vor allem Wenigverdiener dann oft anders verwenden würden.

In diese Richtung denkt auch ÖVP-Mann Amon: "Ein kostenloses, letztes Kindergartenjahr ist sicher ein guter Vorschlag, ich denke auch über ein Vorschuljahr nach, in dem die Sprachkenntnisse für die Schule gefestigt werden können." Woher das Geld für diese zusätzlichen Maßnahmen kommen soll, weiß allerdings auch Amon nicht.

(kmo, pm, tó/DER STANDARD Printausgabe 4./5.12.2004)

  • Artikelbild
    karikatur: kufner, der standard
Share if you care.