Die Nacht des Regenbogens

10. Dezember 2004, 12:39
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Amos Oz' großes Epos der Erinnerung: Nicht nur eine Geschichte der Finsternis, sondern - vor allem - eine Geschichte der Liebe

Die israelische Schriftstellerin Batya Gur zitierte nach Lektüre des jüngsten Romans von Amos Oz eine Bemerkung des Psychologen Bruno Bettelheim. Verborgen unter den Schalen der Zwiebel liege die Trauer. "Man schält und schält, bis die Tränen kommen." Genauer lässt sich die literarische Vorgehensweise für Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Amos Oz' leuchtendes Epos der Erinnerung, kaum beschreiben. Behutsam schält Oz Schicht um Schicht der transparenten Hüllen vom Zentrum des Schmerzes. Und gelangt allmählich zur Tragödie einer Familie. Zur untröstbaren Traurigkeit, dem schleichenden Tod und schließlichen Selbstmord der einst von Intelligenz und Witz sprühenden, schönen Fanja Klausner, geborene Mussman, im Alter von 38 Jahren.

Fanja Klausner-Mussman war die Mutter von Amos Oz. Ihren Tod erlebte er als Zwölfjähriger. Zwei Jahre später, auch davon erzählt der Roman, verließ er den Vater, dessen neue Frau, und seinen Namen. Amos Klausner nannte sich im Kibbuz, wo er ein neues Leben begann, Amos Oz. Mit dem Namen, so der Wille des Jugendlichen, wollte er mehr abstreifen als nur die unmittelbare Erinnerung: Die - europäische - Geschichte seiner Familie, genauer seiner Familien, der mütterlichen wie der väterlichen. Europäische Kosmopoliten sie alle, belesen - der Vater allein sprach 14 Sprachen, begeisterte sich für ihre etymologischen Wurzeln -, aus Osteuropa vertrieben in den Jahren des beginnenden Nationalsozialismus. Nicht ein verhinderter, vertriebener Europäer wollte Oz sein wie seine Eltern, seine Großeltern, seine Tanten, sondern Israeli. Kein blasser, verletzlicher Bücherwurm, sondern ein muskelbepackter, braun gebrannter Kibbuznik. Ein neuer Jude. Auch davon erzählt der Roman.

Und er wählt für seine Erzählung nicht die düsteren Tönen der Trauer. Denn Amos Oz' Roman ist, wie sein Titel verrät, nicht nur eine Geschichte der Finsternis, sondern - vor allem - eine Geschichte der Liebe. Der zärtlichen Liebe des reifen Autors, heute selbst Vater 38-jähriger Töchter und Großvater, zu den Verwandten der früheren Generationen, ihren Sorgen und unerfüllten Träumen. Deren Leben nämlich füllt die Schalen der Zwiebel. Ein großer Teil der 800 Seiten des Romans schildert das Leben der Familien Mussman und Klausner in Russland und Polen, beginnend in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Leben des berühmten Onkels Joseph Klausner, Bruder seines Vaters, dessen historische Werke man noch heute in Israels Schulbüchern zitiert. Die lebenslange Phobie der Großmutter Schlomit gegen den Schmutz des Nahen Ostens, der die Familie jahrzehntelang mit Desinfizierungsorgien peinigte. Die späte Lust des Großvaters Alexander, der nach ihrem Tod, 75-jährig, entzückt der verehrten Schönheit der Frauen zu huldigen begann.

Mit leichter Hand verwebt Amos Oz, einzelne Szenen leitmotivisch wiederholend, die zahlreichen Schicksale der Familien, der Freunde und Nachbarn, zu einem luftigen, bunten Tuch jüdischer Lebensspuren. Und erweitert, fast nebenbei, die Erzählung über seine Familie zu einem Panorama jüdischer Geschichte aus über einem Jahrhundert. Die Schoah, kaum je direkt erwähnt, liegt wie ein dunkler Schleier über den Episoden. Sie grundiert das Bangen der Zionisten um die Gründung des eigenen Staates und den anschließenden Krieg, den der neunjährige Amos intensiv erlebt. Dutzende Menschen verbringen die Nächte Monate hindurch kauernd auf dem Boden der sicher gelegenen Zwei-Zimmer-Wohnung seiner Eltern.

Ben Gurion, der den kritischen Studenten Amos zu einem Privatvortrag über Spinoza in sein Büro ordert, erhält ebenso einen Auftritt im Roman wie Menachem Begin, dessen Rede den Knaben aufgrund ihres antiquierten Hebräisch zu lautem Gelächter reizt - und zur Abkehr vom Nationalismus der Großeltern.

Vielleicht aber ist diese Tragödie einer missglückten Ehe, in der zwei sensible Menschen keine gemeinsame Sprache finden, dieser Entwicklungsroman eines wohlerzogenen, einsamen Kindes, das um Aufmerksamkeit ringt und stundenlang stumm und reglos den Gesprächen der Eltern und Freunde im Kaffeehaus zu lauschen hat, vielleicht ist diese Biografie eines Staates allen Hinweisen zum Trotz doch keine Autobiografie. Amos Oz widmet der neugierigen Frage der Leser ein ganzes Kapitel. "Und du, frage bitte nicht: Was, sind das wirklich Tatsachen? Geht es bei diesem Autor so zu? Frage dich selbst. Über dich selbst. Und die Antwort kannst du für dich behalten." (DER STANDARD, Printausgabe vom 4./5.12.2004)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Amos OzEine Geschichte von Liebe und FinsternisRomanAus dem Hebräischen von Ruth Achlama, € 27,60 764 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004.
    foto: buchcover

    Amos Oz
    Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
    Roman
    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama,
    € 27,60
    764 Seiten,
    Suhrkamp,
    Frankfurt am Main 2004.

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