Gusimania

2. Dezember 2004, 19:44
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Unschlagbar ist die SPÖ in der propagandistischen Verankerung, dass mit Gusenbauer kein Staat zu machen ist - Kolumne von Günter Traxler

Sämtliche Wahlen der letzten Zeit, darunter nicht ganz nebensächliche wie eine Bundespräsidenten- und eine Salzburger Landtagswahl hat die SPÖ mit einem Vorsitzenden Alfred Gusenbauer überzeugend gewonnen, sämtliche Wahlen der letzten Zeit hat die ÖVP mit ihrem Obmann und Bundeskanzler verloren. Aber in einem ist sie bisher unschlagbar geblieben, wie sich in den letzten Tagen flächendeckend über das ganze Land bewiesen hat: in der propagandistischen Verankerung vom Image Gusenbauers als eines Mannes, mit dem kein Staat zu machen ist, egal, was er sagt, tut oder lässt. Die Neuigkeit der Woche allerdings war, dass sich nun auch sozialdemokratische Parteitagsdelegierte als Wasserträger bedrängter ÖVP-Wahlkampfstrategen zur Verfügung stellten. Die Kombination von Wiederwahl und Kindesweglegung hat sicher einiges zur Erheiterung einer nicht eben strahlenden Schüssel-Truppe beigetragen.

Nun sind ja Parteikongresse im allgemeinen schon seit Jahrzehnten nicht mehr der Hort kumulierter Vereinsintelligenz und geistiger Ort, wo grundlegende Auseinandersetzungen über Zukunftsfragen stattfinden. Aber eben weil es in den meisten Fällen hauptsächlich um die Abspulung eines Rituals geht, dessen Horizont nicht weiter als zur nächsten größeren Wahl zu reichen braucht, ist die Verkehrung des Veranstaltungszweckes in sein Gegenteil gerade bei einer einstmals für ihre Disziplin gerühmten Partei wie der SPÖ ein interessantes Phänomen.

Der Zweck des Parteitages jedenfalls war simpel und klar: Gusenbauer als den unbestrittenen Spitzenkandidaten einer siegeswilligen Partei für die Nationalratswahl zu positionieren. Erzeugt wurde der öffentliche Eindruck des Gegenteils, aber nicht etwa durch inhaltliche Auseinandersetzung, sondern durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf ein subjektiv schmerzliches, objektiv belangloses Abstimmungsergebnis. Wann immer gewählt wird, es wird niemanden mehr interessieren.

Von schallenden Ohrfeigen für Gusenbauer war die Rede, von einem Erdbeben, gar einem Waterloo - als wäre Napoleon von seinen Gegnern auf dem Schlachtfeld apr`es mit stehenden Ovationen empfangen und mit 88-prozentiger Mehrheit als Kaiser der Franzosen bestätigt worden. Das mit der schallenden Ohrfeige hat seine Berechtigung, aber die hat sich die SPÖ selber versetzt. Die Nörgler an Gusenbauer, und das sind ja nicht nur die sechzig, die ihn nicht wählten, haben ihrer Partei auf jeden Fall geschadet: entweder mit seiner Bestätigung als Vorsitzender oder mit der Schmälerung seiner/ihrer Wahlchancen. Angelangt am Ende eines langen Marsches von Karl Marx zu Groucho Marx könnte ein neuerlich geschlagener Gusenbauer seinen Kritikern dann entgegenhalten: Eine Partei, die mich zum Vorsitzenden wählt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben.

Ja, Gusenbauer sind Fehler unterlaufen, nicht zu knapp - nur Schüssel macht ja bekanntlich nie welche -, und Kritik daran muss möglich sein, heißt es nun. Gewiss, bloß sollte der Sinn der Zusammenkunft nicht eine Abstrafung des Vorsitzenden für Vergangenes sein. Und hätte sich auf dem Parteitag die Nörgelei per Stimmzettel in sachlichen Diskussionen zu handfester Kritik verdichtet, dann könnte Gusenbauer den anschließenden Zuspruch von 88 Prozent durchaus als Erfolg ausgeben. Mit mehr Grund jedenfalls als manche ihre hundert Prozent, oder als etwa ein Landesparteichef, der daheim gerade 60 Prozent einfuhr, seine mehr als 90 Prozent in Wien.

Nun soll sich Gusenbauer mit seinen Kritikern auseinander setzen, ohne zu wissen, was sie ihm sagen wollten. Daraus kann nicht viel werden. Bis zu den Wahlen muss er mit dieser Partei leben. Dann ist er entweder ihr Star, oder gewesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2004)

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