Kommentar der anderen: Schützend stell' ich mich vor diese Frau

5. Dezember 2004, 18:09
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Und spende Beifall ihrem Mut, mag's euch gefallen oder nicht. Betrifft: Elisabeth Gehrers Äußerungen in der ORF-"Pressestunde"

Und spende Beifall ihrem Mut, mag's euch gefallen oder nicht. Betrifft: Elisabeth Gehrers Äußerungen in der ORF-"Pressestunde" zum Thema Pisa und die Folgen. Ein Nachtrag Wer kürzlich den sonntägigen Auftritt von Bildungsministerin Gehrer im ORF mitverfolgt hat, konnte ein interessantes Phänomen beobachten. Beide Seiten, die Journalisten und die Ministerin, waren sich darin einig, dass die Pisa-Studie einen aussagekräftigen Befund zum Leistungsvermögen österreichischer Schüler/innen liefere und dass das Bildungsniveau in Österreich deutlich gesunken sei. Dann aber geriet das klare Bild plötzlich ins Wanken, weil "Wahrheit" gegen "Wahrheit" stand. Und das kam so:

Der Journalist Christian Rainer behauptete, dass Österreich deutlich weniger in Bildung investiere als das von allen Seiten als Vorbild anerkannte Finnland. Die Ministerin hingegen betonte mehrfach im Verlauf der Sendung, dass Österreich mehr Geld für Bildung bereitstelle als das nordische Vorreiterland. Interessant. Um nicht zu sagen spannend. Nein, mehr noch: Sensationell! Und zwar nicht deswegen, weil damit deutlich wurde, dass eine der beiden Seiten - welche bloß? - auf unlautere Weise mit Zahlen hantierte (in der politischen Debatte schließlich kein Einzelfall), sondern weil die Ministerin mit ihrer Zahlenversion (öffentlich!) nicht weniger eingestand, als versagt zu haben. Und damit dem politischen Zeitgeist der positiven Selbstdarstellung in einer Art und Weise trotzte, der Respekt abnötigt.

Zur Verdeutlichung noch einmal zurück zum Ausgangspunkt der zwei Wahrheiten. Szenario eins: Nehmen wir an, der Journalist hatte mit seiner Zahlenversion Recht und das Hauptproblem bestünde tatsächlich darin, dass Österreich nicht genug Geld in den Schulbildungsbereich investiere und daher über zu wenig Lehrkräfte usw. verfüge. In diesem Fall hätte natürlich die gesamte Regierung, im Speziellen aber Kanzler und Finanzminister versagt, weil sie die vorhandenen Budgetmittel falsch verteilt und zu wenig Geld für Bildung zur Verfügung gestellt hätten. Eine Teilschuld träfe natürlich auch in diesem Fall die Bildungsministerin, weil sie schlecht mit ihren Ressortkollegen verhandelt und nicht genug für ihren Bereich, der ihr, so nehmen wir einmal an, sehr am Herzen liegt, herausgeholt hätte.

Jedenfalls wäre die Bildungsministerin dann vor allem eines: arm dran - und hätte im Grunde, da sie doch eine ist, der es um die Sache geht und die Prinzipien hat, ihrer bildungsignoranten Regierung unter dem Vorsitz eines ebensolchen Kanzlers schon längst ihren Abschied anbieten müssen. - Hat sie aber nicht, weil ja, siehe oben, budgetmäßig alles in Ordnung ist.

Womit wir wieder beim Wahrheitsszenario Gehrer angelangt wären: Demnach hätte tatsächlich nicht die Regierung versagt, sondern hauptsächlich ein Ministerium - nämlich jenes, dem Elisabeth Gehrer seit zehn Jahren vorsteht. Denn wenn genug Geld zur Verfügung steht und sich trotzdem schwere Bildungsdefizite im Vergleich zu anderen europäischen Ländern offenbaren, so kann das nur eines indizieren: schlechte Bildungsstrukturen und ineffiziente Mittelverteilung.

Das Bildungsministerium lag also, wenn wir Gehrer sozusagen beim Wort nehmen, in den vergangenen Jahren mit seinen Konzepten völlig daneben. Auch der Hinweis der Ministerin, dass es in Österreich einen relativ hohen Anteil an Migrantenkindern gebe, die das österreichische Bildungsniveau nach unten drückten, deutet in diese Richtung. Es gibt nämlich kaum einen Schulbereich, der der Politik so weit reichende Handlungsmöglichkeiten bietet wie die Integration und Förderung von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache.

In Wahrheit hat sich die Ministerin also mit "ihrer" budgetären Wahrheit selbst für rücktrittsreif erklärt. - Ein mutiger Akt, dem zur Vollendung nur noch eines fehlt: der Schritt vom indirekten Wort zur offensiven Tat.

(DER STANDARD-Printausgabe, 3.12.2004)

Alexander Pollak ist Sprachwissenschafter an der Universität Wien
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