"Bald das Gleiche in Russland"

4. Dezember 2004, 16:01
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Antiwestliche Propaganda im russischen Fernsehen

Kiew/Moskau - "So war es zur Sowjetzeit", erzürnt sich eine etwa 50-jährige Ukrainerin über die Nachrichten zur Ukraine, die soeben im russischen TV-Kanal laufen. Die jüngere Frau daneben schüttelt nur den Kopf. In ihrem Fotogeschäft in Kiew läuft laut der Fernseher - wie überall im Land derzeit so gut wie rund um die Uhr. Gezappt wird zwischen den ukrainischen und den russischen Kanälen.

In Letzteren wird Oppositionsführer Viktor Juschtschenko zum russlandfeindlichen Gottseibeiuns hochstilisiert. Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, der die Abspaltung der Ostukraine propagiert, nennt die Demonstrationen "Versammlungen von Hexen, die von Orangen fett geworden sind und dann noch behaupten, die ganze Nation zu vertreten." Einige Minuten Sendezeit erhält er dafür.

Gleb Pawlowski, langjähriger Kreml-Chefideologe und russischer Wahlkampfleiter von Premier Viktor Janukowitsch, vergleicht Juschtschenko im Fernsehen gar mit Adolf Hitler. Und als Warnung an die Machthaber zu Hause: "Wenn wir die Ukraine hergeben, haben wir in einem Jahr das Gleiche in Russland."

In einer chronologischen Reise wird der Westen als Regimedemonteur vorgeführt. Bilder aus Belgrad, aus dem georgischen Tiflis und schließlich - von der Berliner Mauer. Das Verschwinden des Eisernen Vorhangs ist im heutigen Russland mittlerweile auch offiziell keine unbedingt positive Errungenschaft.

In privaten Gesprächen hört man aber auch anderes. Manche reimen sich trotz TV-Propaganda zwei und zwei zusammen. "Soweit wir davon mitbekommen, muss ich sagen, alle Achtung vor den Ukrainern. Bei uns ginge das heutzutage nicht. Alles geht in den A...", meint ein etwa 30-jähriger Handyverkaufsvertreter. "Bei uns kannst du nicht leben, sondern nur überleben", sagt ein 50-jähriger Chauffeur in Moskau: "Die Ukrainer haben ein Nationalbewusstsein gebildet. Ob ich das in Russland noch erleben werde?" (sed/DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2004)

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