Gerichtsgeschichte: Klerikaler Zungenkuss

5. Dezember 2004, 14:32
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"Wenn sich ein Paar liebt, dann küsst es sich", weiß der Ex-Alumne von St.Pölten - Pornojäger Humer hörte angeregt zu

Wien - "Man hat mich Schritt für Schritt in die homosexuelle Atmosphäre eingeführt, auch in die Mysterien und Geheimnisse", erzählt der sprachgewandte Alumne R. mit gepflegtem polnischem Akzent. Selbst Pornojäger Martin Humer (im Publikum) hört ihm angeregt zu.

Der Ehrenbeleidigungsprozess hat die berühmt gewordene St. Pöltener Synthese von Geistlichem und Körperlichem zum Inhalt. Ex- Regens Ulrich Küchl und Ex-Subregens Wolfgang Rothe wehren sich gegen jenen verhängnisvollen Artikel im profil mit angrenzendem Priesterkussfoto, dem sie das "Ex" (vor Regens und Subregens) zu verdanken haben. Von einem Kuss könne da gar nicht die Rede sein, meint Rothe, einer der daran beteiligten: Es handelte sich um einen klassisch-polnischen "Austausch von Weihnachtswünschen", war eher eine Art "Wangenbegrüßung".

Zungenkuss

Diese Aussage beleidigt den Zeugen R., denn zwischen Wange und Zunge könne er - auch bei noch so geringer sexueller Erfahrung - allemal unterscheiden. "Man sieht auf dem Foto eindeutig, dass die Zunge des einen im Mund des anderen steckt", stellt er klar. In den Augen des Priesterseminaristen war jenes Weihnachtsfest eine kleine Doppelverlobungsfeier zweier Pärchen. Nach dem Verlesen des Weihnachtsevangeliums und einigen Gebeten wurden Geschenke verteilt. Dann habe der Subregens Ringe mit den Initialen der Verliebten gesegnet und verteilt. Falsch, sagt Kläger Rothe: "Das waren Rosenkranzringe." - Blödsinn, kontert der Zeuge: "Wer segnet zu Weihnachten Rosenkranzringe? - Das waren Liebesringe."

"Wenn sich ein Paar liebt, dann küsst es sich"

Und schließlich seien sich Priester und Schüler eben näher gekommen. "Wenn sich ein Paar liebt, dann küsst es sich", weiß der Ex-Alumne. Nein, er habe im Prinzip überhaupt nichts gegen Homosexualität: "Aber ich kenne kein liturgisches Buch, wo drinnen steht, dass sich Glaubensbrüder mit den Zungen küssen."

Bei uns gab es keine Beziehungen

"Ich verstehe den Mann nicht", sagt der frühere Regens Ulrich Küchl. Was da behauptet werde, gehe schon "in die Richtung schizophren". Denn: "Bei uns gab es keine Beziehungen solcher Art, da weiß ich nichts davon." - Und Küchl müsste es eigentlich wissen, er soll ja eine gehabt haben. Der Prozess wird zu weiteren Zeugeneinvernahmen vertagt. (Daniel Glattauer, DER Standard Printausgabe 3.12.2004)

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    Artikel und Bilder über das Priesterseminar St. Pölten waren der Auslöser für das Ehren- beleidigungs- verfahren gegen das Nachrichtenmagazin "profil", das der frühere Subregens des Priesterseminars Wolfgang Rothe, und der Ex-Regens Ulrich Küchl gegen das Nachrichtenmagazin "profil" angestrengt haben.

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    "Pornojäger" Martin Humer (li) verfolgte den Medienprozess um den Ex-Subregens des St. Poeltener Priesterseminars, Wolfgang Rothe (re)

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