Taschen sagen alles

23. Februar 2005, 22:03
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Eine Pariser Ausstellung beschäftigt sich mit dem Alltagsphänomen Tasche

Die älteste Handtasche, die bisher entdeckt wurde, gehörte nicht etwa einer Frau. Sie ist hergestellt aus Blättern, mindestens fünf Millionen Jahre alt und wurde 1991 im Eis der Tiroler Alpen neben Ötzi entdeckt. Die älteste Herrenhandtasche ist folglich ein eingefrorener Beweis: Egal ob Mann oder Frau, wer Haus oder Höhle verlässt, braucht etwas, um seine Habseligkeiten zu transportieren.

Das Konzept der Tasche ist folglich so alt wie die Menschheit selbst. Doch noch nie zuvor wurde dem Phänomen der Tasche eine derart vollständige und skurrile Ausstellung gewidmet, wie man sie jetzt im Pariser Musée de la Mode et du Textile bestaunen kann: "Le Cas du Sac" zeigt die Tasche in allen denkbaren Varianten, in ihrer ganzen historischen, ethnologischen, regionalen, professionellen und modischen Bandbreite.

Es ist keine Veranstaltung für Fetischisten. Aber für Menschen, die in der Tasche mehr sehen können als nur einen simplen Gebrauchsgegenstand, der sich der Mode anpasst. Und weil in jeder Tasche ein Geheimnis stecken könnte, betritt der Besucher diese Ausstellung, als würde er selbst in eine überdimensionierte Tasche eindringen: Wände, Decke und Boden sind ausgeschlagen mit warmem, lilafarbenem Futter. Es herrscht Finsternis, aber auch Geborgenheit. Es könnte das edle Innere der legendären "2.55" sein, dieses Handschmeichlers mit kleinen Lederpolstern, den Coco Chanel im Februar 1955 auf den Markt brachte. Oder das Innere einer Kelly-Bag von Hermès, denn schließlich ist der Taschenhersteller ein nicht uneigennütziger Mitveranstalter der Schau.

Aus dem Off hört der Besucher die Stimme Winnies aus Samuel Becketts Stück "Glückliche Tage", wie sie, halb im Sandhaufen steckend, immer wieder die Inventur ihrer Handtasche unternimmt, auf Visitenkarten und Lippenstifte stößt, auf Hausschlüssel und Überreste aus glücklichen Tagen. In Taschen wohnen auch Träume. Und manchmal wünscht man sich, man könne in die Taschen der Mitmenschen hineinblicken, man könne sie durchleuchten wie ein Röntgengerät auf dem Flughafen.

Aber in dieser Ausstellung geht es nicht um das, was in den Taschen steckt, sondern um die Tasche an sich. Um die Aussage, die man mit ihr macht. Um das, was sie über den sozialen Status ihres Benutzers verrät. Über seinen Beruf, seinen Glauben, seine Herkunft. Vielleicht muss sie deshalb mit Netzen beginnen. Denn Netze verbergen nicht, was sie transportieren. Und doch verrät jede Masche etwas über das Wesen der Tasche: So weit hat sich das silberne Einkaufsnetz von Jean Paul Gaultier gar nicht von dem Netz aus Lianen und Federn von den Salomoninseln entfernt, und dennoch liegen Welten dazwischen.

Gleich in der Vitrine daneben demonstriert der Modeschöpfer Martin Margiela, wie man selbst die symbolisch überladene Einkaufstüte wieder auf einen ironischen Kern reduzieren kann: Bei ihm trägt die Kundin ihre Ware in einem grob ausgeschnittenen, unvernähten Baumwollsack nach Hause, dessen Schnittmuster der dünnen Plastiktüte nachempfunden ist, die noch immer in Frankreichs Supermärkten verteilt werden. Noch hipper, denn noch ironischer wäre es indes gewesen, das teure Gut der Kundin gleich im "Barbès-Koffer" zu verpacken, jenen riesigen Plastiktaschen im blau-weiß-roten Vichymuster, die man für einen Euro in den Billigläden des gleichnamigen Boulevards erwerben kann.

Jede Tasche macht eine Aussage

Es gibt Taschen, die sehen aus wie Tiere: beeindruckende Federwesen aus fernen Welten. Andere haben Modegeschichte geschrieben. Wieder andere erzählen persönliche Geschichten. Unter den 300 Taschen wird der Blick vielleicht auf jene Reisetasche aus Rindsleder und Leinen fallen, die Hermès 1950 hergestellt hat. Ihre Haut zeigt die Spuren vieler Reisen. Auf der Rückseite sieht man die Überreste der Aufkleber der Fluggesellschaften. Humphrey Bogart war ihr Eigentümer.

Jede Tasche macht eine Aussage über ihren Träger. Bei vielen der ausgestellten Exponate würde man gern noch mehr erfahren: hineinkriechen und Einblick nehmen in das Innenleben einer Tasche und damit eines Menschen. (DERSTANDARD/rondo/Martina Meister/03/12/04)

Le Cas du Sac.
Musée de la Mode et du Textile
107, rue de Rivoli
75001 Paris

Bis 25. Februar 2005.
Katalog:
Le cas du sac, histoire d'une utopie portative.
Hrsg. von Farid Chenoune.
Edition Hermès.
340 Seiten/€ 50
  • Artikelbild
    foto: j.m.tingaud
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