Das Vatikanische Textil

10. Dezember 2004, 19:16
posten

Eine holländische Firma versorgt den Vatikan und seine wohlhabenderen Priester mit Edelsoutanen und Devotionalien. Produziert wird im orthodoxen Rumänien

"Wir sind der Gucci für Priester", lächelt Franka Scholten und lässt ihre Hand fast zärtlich über eine der fein gestickten, superleichten Trevira-Soutanen gleiten, die sie im Ausstellungsraum aus dem Schrank geholt hat. "Das ist eher etwas für Priester im Süden, in Italien oder Spanien", preist sie das Stück an, "hell, und sehr, sehr leicht. Da kommt man nicht so leicht ins Schwitzen."

Franka Scholten ist Managerin in der Zentrale der Firma Stadelmaier, einem fast 70 Jahre alten Familienbetrieb in Nijmegen direkt an der deutsch-holländischen Grenze, der sich auf ein kurioses Marktsegment spezialisiert hat: Arbeitskleidung für Priester. Seit Opa Stadelmaier unmittelbar nach dem Krieg den Betrieb gegründet hat, ist er berühmt geworden als "der Schneider des Papstes", denn die Gewänder aus Nijmegen werden selbst an den Vatikan geliefert. "Wir nähen nur auf Bestellung, auch individuell. Bei uns gibt's nichts von der Stange."

Entsprechend teuer sind Stücke im Katalog denn auch: eine Stola für über 1000 Euro, ein Requiemgewand für 1600, ein handgesticktes Konzelebrationsset aus Kronenbrokat reicht sogar bis knapp an die 3000 Euro. Kein Wunder, dass die Produktion nicht dahin geht, wo viele Priester sind, sondern dahin, wo viele wohlhabende Gemeinden sind - 60 Prozent des Umsatzes erzielt Stadelmaier in den USA.

Der Familienbetrieb entstand 1930, als sich das Ehepaar Arthur und Magdalena Stadelmaier-Glässner in Nijmegen ins Handelsregister eintragen ließ. Zehn Jahre später zählte das kleine Schneideratelier bereits 20 Mitarbeiter, belieferte Klöster und Missionen. Doch der richtige Boom begann erst in der Nachkriegszeit - viele Kirchen und Klöster waren zerstört und ausgebrannt und brauchten dringend neue Tücher, Soutanen und Mäntel. Besondere Stadelmaier-Spezialität: das Ausrüsten von Schiffskapellen auf den großen transatlantischen Passagierschiffen.

Das war die Zeit, als Stadelmaier Mode machte für die Kirche. Manche Entwürfe wurden unter den Kirchenmännern diskutiert wie heutzutage die neuesten Modelle der großen Pariser Modeschöpfer. Einen Nachfrageschub bescherte der Firma auch das Zweite Vatikanische Konzil zu Beginn der Sechzigerjahre. Da sich nun die Priester dem Kirchenvolk bei der Messe zuwenden sollten, waren die alten, rückwärtigen Verzierungen ihrer Gewänder sinnlos geworden - neue Gewänder mussten her mit Verzierungen auf der Brust.

Es muss gespart werden

"Es gibt auch in der Kirche Moden", gibt Franka Scholten zu, "aber sie dauern viel länger, Jahre, manchmal Jahrzehnte lang, bis sie sich ändern." Doch nun, in der dritten Generation, ist der Familienbetrieb Stadelmaier schwer ins Trudeln geraten. Die Wirtschaftskrise lässt weniger Spenden fließen, die zahlreichen Skandale um sexuelle Ausschweifungen von Priestern haben die US-Kirche gezwungen, enorme Entschädigungen zu bezahlen - Geld, das nun fehlt, um neue Kleider zu bestellen. Hinzu kommt der schwache Dollarkurs. Folge für Stadelmaier: Die Dachgesellschaft "Stadelmaier Nijmegen BV" musste Konkurs anmelden und ihr Personal von 15 auf fünf Personen reduzieren.

Heil geblieben sind die Tochterfirmen und die Produktionsstätte im rumänischen Satu Mare. Dorthin wird nun die gesamte Produktion verlegt, der kleine Pavillon in Nijmegen wird verkauft, und Stadelmaier wird, wie es sich für einen Vatikanschneider gehört, von einer kleinen, altehrwürdigen Kirche aus verwaltet, die Aart Stadelmaier, der Firmenchef, schon vor Jahren gekauft hat. Danach, so hofft Aart Stadelmaier, wird es dank geringerer Kosten, der Gesundschrumpfung des Personals und der anziehenden Konjunktur in den USA wieder aufwärts gehen.

Ist es dem Ansehen abträglich, wenn künftig Gewänder für katholische Bischöfe aus Rumänien kommen, dessen orthodoxe Kirche seit tausend Jahren mit dem Vatikan überquer liegt und Katholiken alles andere als wohlgesonnen ist? "Damit hatten wir nie Probleme", versichert Franka Scholten und schüttelt den Kopf.

Johannes Paul II. hat es auch nie gestört, dass seine Gewänder aus jenem Holland kommen, dessen Gläubige ihn in den Achtzigerjahren wegen seines Konservatismus mit Tomaten beworfen hatten. Es hat ihn nicht gehindert, gerade einige der gewagteren Entwürfe von Stadelmaier damals hoffähig zu machen, indem er sie bei seinem Papstbesuch in den Niederlanden 1985 drei Tage lang hintereinander trug. (DESTANDARD/rondo/Klaus Bachmann/03/12/04)

  • Artikelbild
    foto: stadlmaier
  • Artikelbild
    foto: stadlmaier
Share if you care.