Skoceks Zeitlupe: Der Fremde, die Chance

7. Dezember 2004, 13:03
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Bode Miller ist die Chance, dem Skiweltcup ein Parallelschicksal zur Formel 1 zu ersparen. Der Skizirkus hat jahrelang eine erdrückende Dominanz der Österreicher verkraftet, in Skisportländern wie der Schweiz und Frankreich wurde der Fadesse wegen kaum noch ein Skirennen live im TV übertragen.

Bode Miller konnte in seiner Heimat USA auch keinen Hund hinter dem Kachelofen hervorlocken, bis auf Weiteres wird der Skizirkus eine europäische Branche bleiben. Im Vergleich zum Skizirkus in Amerika ist die Admira in Österreich ein Publikumsmagnet.

Bode Miller kann in Europa die Reduktion des Skirennfahrens aufs Österreichische brechen. Allein die Erwartung einer Verunsicherung der ÖSV-Sportler versöhnt mit dem Winter. Hermann Maier ist mit seiner sportlichen Brillanz - sein rechtes Bein ist noch immer teilweise taub, wie ein Mensch mit so einem Handikap derart gut Ski fahren kann, ist unfassbar - und der Geschichte des tödlichen, aber überlebten Sturzes von Nagano Millers einziger würdiger Konkurrent. Maiers Story ist Österreich, er hat die Enge seiner Heimat überwunden. Miller ist ein Globetrotter, ein Tramper des digitalen Zeitalters mit oszillierender Konzentration, grenzenlos talentiert, aber manchmal gerade daran desinteressiert. Der ÖSV hat außer Maier jede Menge Siegfahrer, aber keine Stars. Benni Raich wirkt noch nach Siegen verkrampft, Michael Walchhofer redet nur ungern, Rainer Schönfelder wäre so gerne so voll cool.

Miller ist nicht nur Spannung, er ist der erste Vertreter eines neuen Startyps, den der Skisport braucht wie den Schnee und der in Österreich nicht zu finden ist. Jetzt muss er sich nur noch wirklich fürs Skifahren interessieren.(DER STANDARD Printausgabe, 3. Dezember 2004, Skocek)

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