"Hiroshima der Chemieindustrie"

20. Dezember 2004, 12:12
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Zwei Frauen kämpfen seit der Giftgaskatastrophe im indischen Bhopal darum, dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden

Die Giftgaskatastrophe im indischen Bhopal jährte sich am Freitag, den 3. Dezember, zum 20. Mal. Zwei Frauen kämpfen seit dem Tag, an dem das "Hiroshima der Chemieindustrie" Wirklichkeit wurde, darum, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
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"Zuerst war es, als würden unsere Lungen bersten", erinnert sich Rashida Bee an die verhängnisvolle Dezembernacht des Jahres 1984. Und: "Je schneller wir rannten, umso mehr Gas atmeten wir ein. Dann hatten wir das Gefühl, als hätte uns jemand rotes Chilipulver in die Augen gerieben. Lange Zeit konnten wir unsere Augen gar nicht mehr öffnen. Und als wir schließlich wieder dazu fähig waren, sahen wir Leichen; Berge von Leichen."

8000 Menschen starben noch in der gleichen Nacht, insgesamt hatte die durch Wasser in einem Chemikalientank ausgelöste Giftwolke 20.000 Menschen getötet. In einer makaberen Statistik heißt es, dass der durchschnittliche Todeskampf der ersten Tausenden Opfer drei Minuten betragen habe.

Seit der Katastrophe kämpfen die beiden Frauen Rashida Bee und Champa Devi Shukla um Gerechtigkeit für die Opfer. Manchmal mit ausgefallenen Methoden. Zum Beispiel indem sie Dow-Chemical-Bossen Besen mit der Aufforderung in die Hand drücken, endlich in Bhopal den giftigen Dreck aufzuwischen, den sie dort hinterlassen hätten. Ebenso deponierten Rashida Bee und Champa Devi Shukla in den Büros von Dow in Bombay oder in den Niederlanden verschmutze Erde aus Bhopal.

Vier Forderungen

Mit einem 19-tägigen Hungerstreik unterstrichen die beiden ihre vier Forderungen an Dow Chemical, an jenes Unternehmen, das 2001 Union Carbide übernommen hat. Es sind dies:
1. die Auslieferung von Warren Anderson, des ehemaligen Chefs von Union Carbide, dem in Indien der Prozess gemacht werden soll.
2. langfristige medizinische Betreuung aller Geschädigten und die - auch nach 20 Jahren nicht erfolgte - Herausgabe von Informationen über die gesundheitsschädlichen Wirkungen der freigesetzten Gase.
3. die Säuberung des Fabrikarsenals.
4. soziale Unterstützung für all Geschädigten, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ihren Beruf ausüben können und für Familien, die bei der Giftgaskatastrophe ihren Ernährer verloren haben.

Kampagne ausweiten

Die beiden Aktivistinnen haben für ihren unermüdlichen Einsatz in diesem Jahr den Goldman Umweltpreis erhalten. Auch 20 Jahre nach dem "Hiroshima der Chemie-Industrie", wie die beiden die Giftgaskatastrophe von Bhopal auch schon bezeichneten, geben sie nicht auf.

Im Gegenteil: Jetzt wollen sie ihre Kampagne ausweiten und mit weltweiter Unterstützung Dow Chemical dazu zwingen, sich endlich der Verantwortung gegenüber den Opfern von Bhopal zu stellen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.12. 2004)

Peter Isenegger aus Neu-Delhi
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    Opfer von Bophal beim Fackelzug zum Gedenken der Giftgaskatastrophe
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