"To wash the babies out"

5. Dezember 2004, 17:00
1 Posting

Spannende Berichte, Publikationen und Objekte - die Sammlung des Verhütungsmuseums wächst - im Frühjahr soll eröffnet werden

Wer hat hierzulande schon ein Bidet zu Hause? Vermutlich die wenigsten - und das nicht ohne Grund. Denn wie das Museum für Verhütung belegt, geht der ursprüngliche Sinn des kleinen Waschbeckens für die Unterleibsregionen neben dem Reinlichkeitsaspekt auf eine vorbeugende Maßnahme zur Verhütung von Schwangerschaften zurück und wurde somit im Zuge einer Veränderung des Moralbegriffs, gepaart mit bevölkerungspolitischen Überlegungen, degradiert.

Bereits in der Antike für Vaginalspülungen vor und nach dem Koitus angewendet, wurde das Bidet um 1900 als unmoralisch abgelehnt und seine allgemeine Verbreitung eingedämmt. So verwundert es nicht, dass der Zweck des Bidets in Vergessenheit geraten ist, wie folgende Geschichte des Museums verdeutlicht: Eine Amerikanerin fragte in einem Pariser Hotel bei der Entdeckung des Sitzbeckens das Zimmermädchen: "Oh, how lovely - is it to wash the babies in?", worauf die Französin lächelte: "No, Madame - it is to wash the babies out!".

Mit Einführung der Wasserleitung Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Bidets mit einem Wasserstrahl zur Scheidenspülung, die sogenannte Unterdusche, hergestellt. Nach der Erfindung von Pille und anderen sicheren Verhütungsmitteln in den 60er-Jahren ging der Verkauf von Bidets drastisch zurück. Sogar heute noch wird in Sanitärkatalogen die wahre Funktion verschwiegen und manche glauben tatsächlich, Bidets dienen zum Füßewaschen.

Anschauungsobjekte, Berichte, Literatur

Neu eingegangen in die Sammlung des Museums für Verhütung und Abtreibung sind beispielsweise siebzehn historische Spiralen in aberwitzigsten Formen, die der Initiator und Betreiber des Museums, Dr. Christian Fiala, vom kanadischen Contraception-Museum erhalten hat. "Manche der Spiralen gleichen Ringen und Blättern und Rädern und Herzen oder einfach einem geknüpften Stück Angelschnur. Eher schreckenerregend sieht hingegen der 'Majzlin Spring' aus, ein Zick-Zack gefalteter Stahldraht", berichtet Fiala. Zwischen 1967 und 1973 soll dieser von rund 100.000 Frauen angewendet worden sein, bis er wegen extremer Komplikationen wie Perforation der Gebärmutterwand, Blutungen und Infektionen vom Markt genommen worden ist.

"Wie automatische Brutmaschinen"

Sehr interessant ist auch der Bericht über Margaret Sanger, die sich 1912 aufgrund massenweiser grauenvoller Frauentode durch unsachgemäß illegal durchgeführte Abtreibungen dazu entschlossen hat, regelmäßige Zeitungskolumnen unter dem Titel "Was jedes Mädchen wissen sollte" zu schreiben. Von der staatlichen Zensurbehörde beobachtet, wurden ihre Artikel über Geschlechtskrankheiten verboten. Zwei Jahre später publizierte sie "The Woman Rebel", eine monatlich erscheinende Zeitschrift mit feministischen Forderungen für das Recht auf Geburtenkontrolle. Die von Sanger gegründete erste Klinik für Geburtenkontrolle in den USA wurde nur nach neun Tagen polizeilich geschlossen und Sanger samt ihres Teams eingesperrt. Margaret Sanger gab jedoch nicht auf, publizierte zur Aufklärung der Bevölkerung und forschte weiterhin nach wirksamen, einfach anwendbaren und leistbaren Verhütungsmitteln. Schlussendlich ist es dem Engangement dieser großartigen Frau zu verdanken, dass Finanzmittel zur Entwicklung der Anti-Baby-Pille bereitgestellt wurden - und Frauen heute (zumindest in Europa und den USA) über ihre Fruchtbarkeit wenigstens teilweise bestimmen können.

Ein Museum zur Aufklärung

Und dies ist ja auch das Motiv, welches zur Gründung des Museums für Verhütung geführt hat. "Das Wissen über die Fruchtbarkeit vor der Einführung von sicheren Verhütungsmitteln ist sehr gering. Insbesondere ist in Vergessenheit geraten, welche Kraft die Fruchtbarkeit darstellt und mit welcher Fantasie und gleichzeitig Verzweiflung die Menschen früher versucht haben, diese Kraft zu kontrollieren. Das Museum soll dies aufzeigen und damit zu einem besseren Verständnis von Fruchtbarkeit und die Notwendigkeit diese zu kontrollieren beitragen. Das würde auch zu einem besseren Verhütungsverhalten führen", ist der Gynäkologe Dr. Christian Fiala, Erfinder des Museums, überzeugt. Im Sommer 2003 gründete er einen Verein, welcher Träger des Museums ist und von Spenden lebt.

Das Museum, derzeit lediglich virtuell begehbar, soll im Frühjahr der Öffentlichkeit zugänglich werden. Trotz eines bereits beträchtlichen Bestandes sind Fiala und sein Team nach wie vor auf der Suche nach Objekten und Leihgaben. Speziell Filme, Plakate, Broschüren, Bücher, Dokumente, Statistiken, Hilfsmittel und Gerätschaften zur Verhütung, zu Schwangerschaftstests und zur Abtreibung: alles von einst und jetzt, von hier und anderswo. (dabu)

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Das Bidet wurde und wird tatsächlich zur Reinigung von Säuglingen verwendet.
  • Ein erster Blick auf die Räumlichkeiten des Verhütungsmuseums.
    foto: verhütungsmuseum
    Ein erster Blick auf die Räumlichkeiten des Verhütungsmuseums.
  • Bild einer Scheidenspülung.
    foto: verhütungsmuseum
    Bild einer Scheidenspülung.
Share if you care.