Fantastische Fülle

2. Dezember 2004, 23:06
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Musikalität, Vielseitigkeit und Unternehmungslust sind Markenzeichen von Daniel Barenboim

Musikalität, Vielseitigkeit, Unternehmungslust - und dies alles jeweils ins Genialische gesteigert: So gewann Daniel Barenboim als Pianist wie als Dirigent die Welt. Mutig setzt er seinen enormen künstlerisch-moralischen Kredit für eine Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein, indem er sie zu einem Orchester einte und mit den begeisterten jungen Leuten arbeitete.

Barenboim, 1942 in Buenos Aires als "russischstämmiger Argentinier" geboren, wuchs in Israel auf. Arthur Rubinstein, mit dem Barenboim später befreundet war, spielte am Anfang von Barenboims Laufbahn eine wichtige Rolle. Rubinstein, so erzählte mir Barenboim jüngst vergnügt, hatte in Israel den Zwölfjährigen zum Vorspielen nach Hause eingeladen. Barenboim erkrankte heftig, war aber nicht abzuhalten, trotz 39 Grad Fieber zu dem für ihn so wichtigen Termin zu eilen. Traf Rubinstein, der die Sache einfach vergessen hatte, nicht an; wartete zähneklappernd bis Mitternacht vor dem Haus. Dann kam Rubinstein endlich, hörte sich die Brahms'schen Händel- und Paganini-Variationen an. Nahm den Jungen unter seine Fittiche ...

Barenboims Talent war immens. Der konnte mit 16 (!) Jahren alle 32 Beethoven-Sonaten zum ersten Mal auf Platte einspielen, ein Jahrzehnt später noch einmal und in der Regie von Jean-Pierre Ponnelle dann auch fürs Fernsehen. Er beherrscht von Bachs Goldberg-Variationen über Mozart bis hin zu Bartók die gesamte Klavierliteratur - später als Dirigent genauso das symphonische Repertoire bis hin zu Mahler und die großen Opern, zumal jene Wagners, erst recht. Ein Ruheloser, Unersättlicher, Unermüdlicher.

Was ihn zu alledem befähigt, ist seine fantastische, Furtwänglers Tiefe mit Rubinsteins Ausdruckskraft verbindende Musikalität. Er kennt das Geheimnis atmender Ruhe. Was er etwa für Mendelssohns Lieder ohne Worte tut, kommt einer Rettung gleich. Diese Stücke waren einst ungeheuer populär, wurden aber später unterschätzt. Da führt Mendelssohn gleichsam Tagebuch, so wie Chopin in den Mazurken oder Beethoven in den Sonaten. Es sind Stimmungsbilder im Kleinformat. Etwa der Typus des empfindsamen Minneliedes mit harfenartigem Vorspiel, wie es die vergangenheitssüchtigen Romantiker liebten. Oder melancholische Venezianische Gondel-Gesänge. Dazu hochdramatische Charakterstücke. Ein Trauermarsch, den noch Gustav Mahler zitierte, das populäre Frühlingslied, das brillant surrende Spinnerlied. Barenboim verleugnet den Kammermusikcharakter dieser Musik nie, lässt klassische Vorbilder durchschimmern. Seine Interpretation wird bedeutungsvolle Beschwörung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.12.2004)

Von Joachim Kaiser

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    Daniel Barenboim

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