Das Geheimnis der Bibel

2. Dezember 2004, 21:18
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"Die Mythen der Bibel" nennt sich eine Schau mit Werken Marc Chagalls in der Albertina

Die Ausstellung thematisiert die jahrzehntelange Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Alten Testament.


Wien - Die Albertina zeigt zum zweiten Mal Werke Marc Chagalls, eines der wesentlichen Wegbereiter der Moderne. Seit der letzten Ausstellung von Zeichnungen und Radierungen des Künstlers 1953 sind über fünfzig Jahre vergangen. Die Schau präsentiert dem Publikum ausgewählte Werke aus Privatbesitz, dem Bestand der Albertina und an die hundert Werke aus dem Musée national Message Biblique Marc Chagall in Nizza. Die großen Zyklen der 1930er-, 1950er-und 1960er-Jahre, mehr als 100 Gemälde, Pastelle, Gouachen, Radierungen und Litografien sind zu sehen.

"Die Bibel hat mich von Kindheit an fasziniert. Sie scheint mir noch immer die bedeutendste Quelle der Dichtung aller Zeiten zu sein. Seither suche ich im Leben wie in der Kunst nach ihrem Widerschein. Die Bibel ist wie ein Echo der Natur, und dieses Geheimnis bemühe ich mich zu vermitteln", sagte Chagall anlässlich der Eröffnung des Museums in Nizza 1973, das ganz seinem Werk gewidmet ist. Für Chagall ist also die Auseinandersetzung mit der Bibel insgesamt kein reiner Kommentar des biblischen Textes.

Dieses Schaffen bedeutet für ihn eine Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität, ein Besinnen auf seine kulturellen Wurzeln und auf die Welt seiner Jugend. Es ist daher auch nicht Illustration, um die es dem Künstler geht, sondern eine Synästhesie von autonomen Farbkompositionen mit Spiritualität und der mediterranen Sinnlichkeit. "Er verweigert sich dem Erzählerischen nicht, sondern betrachtet seine Kunst als Erweiterung der Sprache, da sie, wie die Literatur, eine Geschichte erzählt und Erfahrungen wiedergibt", schreibt Jean-Michel Foray im Katalogvorwort.

1930 beauftragte ihn der Verleger Ambroise Vollard, die Bibel zu illustrieren. Damit beginnt Chagalls systematische Arbeit an der Bibel. Er reist nach Palästina und konzipiert eine Reihe von Radierungen. Die Auswahl der Bildmotive ist dabei von der chassidischen Idee der direkten Beziehung Gottes zum Menschen geprägt. Dafür gibt es in der christlichen Kunst keine motivischen und kompositionellen Vorbilder.

Aufgrund des alttestamentarischen Bilderverbots existiert auch keine jüdische Bildtradition der Gottesdarstellungen. Diese Notwendigkeit der Neuschöpfung erlaubt Chagall große Freiheiten bei der künstlerischen Interpretation der Bibel. Chagall flieht 1941 vor den Nazis nach New York, wo er neue Farbdruckverfahren kennen lernt. 1956 schafft er, wieder nach Frankreich zurückgekehrt, erstmals 30 Litografien zur Bibel. Konzentriert vor allem auf Einzelfiguren des Alten Testaments. Nachdem sich Chagall in Vence in Südfrankreich niedergelassen hat, widmet er sich erneut dem Thema Bibel. Nun überträgt er seine Bildfindungen in monumentale Formate. Zentrales Werk dabei sind die 17 großformatigen Gemälde, die Biblische Botschaft - Message Biblique -, die er 1955 beginnt und 1966 vollendet.

Chagall schenkte diesen Zyklus der Stadt Nizza, die dafür ein eigenes Museum errichtete. Diese Message Biblique ist ein Hauptwerk im späten Schaffen Chagalls und bildet nun auch den Höhepunkt der Schau in der Albertina. Das Gebäude in Nizza ist zurzeit aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen. Diesem glücklichen Umstand verdankt die Schau auch ihr Entstehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.12.2004)

Von Franz Niegelhell

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albertina.at

Bis 28. 3.

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    'Die Vertreibung aus dem Paradies'

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