Zum Punsch das "Du"

15. Dezember 2004, 23:14
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Bei Weihnachtsfeiern geht es quer durch die Generationen und Hierarchien, jeder bringt etwas ein, - Sex­appeal, - Macht­appeal, ...

Weihnachtsfeier im Betrieb: Bei diesem Meeting quer durch die Generationen und Hierarchien bringt jeder etwas ein, der eine Sexappeal, der andere Machtappeal. Der Autor Martin Amanshauser recherchierte bei Betroffenen. Ähnlichkeiten mit wirklichen Personen sind mehr oder weniger zufällig.

Katharina Fuchs, 38, Philosophin:

"Weihnachtsfeier, das bedeutet Kanalisierung einer längerfristig aufgebauten Erotik. Niedergehaltenes sucht sich hier ein Ventil. Zudem herrscht hoher sozialer Druck. Wenn jemand überhaupt nicht erscheint, fällt er auf. Und nach Hause gehen darf man erst nach dem Chef. Im klassischen Betrieb endet der offizielle Teil einer Weihnachtsfeier damit, dass sich der Betriebsrat im Namen der Belegschaft bedankt. Nun verabschiedet sich der Geschäftsführer, mit ihm gehen einige der loyalen Mitarbeiter. Dann beginnt die Party. Früher lebten Weihnachtsfeiern vom Antagonismus zwischen Arbeitern und Angestellten. Heute gibt es diese Kultur kaum noch, in vielen Firmen existieren keine Arbeiter mehr, sondern nur zwei bis drei Facility-Manager zum Ein- und Ausschrauben der Glühbirnen. Ob ich selbst an einer Weihnachtsfeier teilnehme? Abwarten."

Fritz Lebesmühlbacher, 44, Tischler:

"In der Innung, da geht's rund. Bei uns gibt's ja kaum Frauen, aber wir arrangieren das schon. Also die meisten Feiern enden im Puff. Zum Glück kommen anschließend die Weihnachtsferien. Im Jänner ist das alles wieder Geschichte."

Barbara Manzano, 78, Pensionistin:

"Als Chefsekretärin habe ich unzählige Weihnachtsfeiern erlebt, aber in der Erinnerung geraten sie mir mit den Betriebsausflügen durcheinander. Manchmal wurden ja aber auch Weihnachtsfeier und Betriebsausflug kombiniert. Getrunken wurde immer exzessiv, es gab ja alles gratis. Gelegentlich kam es zu standesungemäßen Verbrüderungen, die später zurückgenommen werden mussten - peinlich. Lebhaft weiß ich noch, dass ein nicht mehr ganz taufrischer Chef den Rest der durchzechten Nacht mit der jüngsten Sekretärin, so hieß das damals noch, verbrachte. Die Geschichte ist durchgesickert. Wahrscheinlich hat sie damit geprahlt. Bei den Weihnachtsfeiern in den Sechzigerjahren wurden verschlossene Kuverts mit Prämien überreicht.

Da hat man dann herumgerätselt, wie viel jeder zusätzlich bekommen hat. Natürlich hat niemand den genauen Betrag verraten."

Sylvia Pichler-Kahl, 30, Systemadministratorin:

"Weihnachtsfeiern? Totaler Krampf. Keiner will neben dem Chef sitzen - was redet man mit dem? Man kann ja nicht widersprechen. Außerdem ist es die saudeppertste Jahreszeit zum Aufmascherln."

Christiana Golautschnig, 39, Krankenschwester:

"Bei uns reden alle Mitarbeiter dauernd über Sex. Wenn im Job Krankheit und Tod so präsent sind, möchte man in der Freizeit so richtig leben. Es ist ja schon ein Ereignis, wenn Ärzte und Krankenschwestern an einem ganz normalen Nachmittag gemeinsam aus Kartons Pizza essen. Nirgends sonst wird so geschmatzt und gestöhnt, das klingt total orgiastisch. Du schnipselst beruflich an Menschen rum, aber dieses offene Fleisch, das hält auf die Dauer keiner aus. Dann isst du natürlich einen Pfefferoni gleich ganz anders. Das Krankenhaus bietet die ideale Umgebung für Weihnachtsfeiern, schon von der Architektur her. Diese kleinen Kammerln, die sind ja eigens so gebaut. Da nehmen die Architekten gleich Rücksicht auf die Bedürfnisse der Ärzte im Nachtdienst. Bei unserer Weihnachtsfeier, da herrscht ein wüstes Rein und Raus. Ab 19 Uhr geht's vor allem darum, wer hat jetzt den Schlüssel zu welchem Raum."

Charlotte Sondervald, 33, First Line Managerin:

"Ich hatte einen Mitarbeiter gekündigt, weil er mich gemobbt und das Projekt sabotiert hat - meine erste Kündigung. Ich kam schlecht mit dem Gedanken zurecht, dass jemand wegen meiner Intervention auf der Straße stehen würde. Ich ging davon aus, Roland würde nicht zur Weihnachtsfeier kommen. Doch dann saß ich mit der Hälfte der Gruppe da - die anderen waren Rolands Abschied feiern. Um 22 Uhr tauchten sie auf, Motto, da gibt's Gratisbier. Mir ist alles runtergefallen. Ich hatte der Party soeben 100 Euro spendiert. Ich musste also ruhig bleiben. Roland provozierte mich dauernd, kaufte mir Rosen etc. Am Schluss nannte er mich vor allen Leuten Dumpfbacke. Am nächsten Tag erfuhr ich von unserer Juristin: Dumpfbacke ist Entlassungsgrund, Fristlose. Dieses Wort war mein schönstes Weihnachtsgeschenk, ich hätte ihm um den Hals fallen sollen. Wahrscheinlich wäre ich dann aber wegen sexueller Belästigung dran gewesen."

Karl-Heinz Hanslik, 29, Grafiker:

"In unserer Agentur spielen wir Weihnachtsfeier. Also ironisch. Letztes Jahr mit diesem idiotischen Assinger-Quiz, in der Haushaltsedition. Ich bin in der Vorrunde ausgeschieden, da kommen gleich die idiotischsten Fragen."

Arnulf Thal, 56, Unternehmer:

"Im Rahmen von Rationalisierungen wird fälschlicherweise vermeintlich Unproduktives abgebaut. Oftmals sorgt jedoch gerade der abwertend als ,betriebsnudelig' bezeichnete Mitarbeiter für den sozialen Kitt. Stellt eine Blume hin, kennt jeden Geburtstag. Man muss ihm das nicht anschaffen, er macht es instinktiv. Weihnachtsfeiern wären ohne solche Leute undenkbar. Der 22-jährige Nerd, der prima programmieren kann, der backt mir sicher kein Vanillekipferl. Aber das Kipferl gehört dazu wie die schwarze Zahl unterm Strich."

Helga Cerny, 25, Key Account Managerin: "Unser Großbetrieb macht Events anstelle von Weihnachtsfeiern. Die Marketingabteilung überlegt sich was Cooles, wozu sind sie sonst da? Tun das Jahr über exakt null. Eine Eventagentur übernimmt den Rest. Letztes Jahr haben wir mit einer Tänzerin sieben Haltungen nachgestellt, die unsere Philosophie verkörpern. Perfekt umgesetzt. Die Leute hatten Spaß."

Sebastian Wirr, 49, Geschäftsführer: "Persönlich finde ich Weihnachtsfeiern überflüssig. Ich komme als Letzter, wenn bereits alle in Stimmung sind, aber noch nicht zu sehr. Da gibt es so ein Zeitfenster von vielleicht 30 Minuten, in dem man gut ankommt. Das Grandiose am Sekt: Er ist hochökonomisch, Feierstimmung lässt sich innerhalb von 15 Minuten erzeugen. Ich halte meine Ansprache, wünsche ein frohes Fest. Bevor sie zum Punsch übergehen, bin ich zurück in meiner Besprechung. Punsch ist ein grässliches Getränk, picksüß, riecht nach Weihrauch. Ich hasse schon den Gedanken an den Geruch."

Stefanie Höckner, 20, Assistentin: "Das Essen ist schlimm, da sind alle noch nüchtern. Josy, unser Chef, führt das große Wort. Er macht Bodybuilding. Irgendwann haben wir Nacktfotos von ihm auf Love.at gefunden - so was von peinlich, der bietet sich da voll an! Dabei ist er in echt ein ganz fader Heini. Gabi und ich, wir haben jedes Mal wahnsinnig kichern müssen, wenn wir Josy angeschaut haben. Glaubt, er ist ultraschön, aber in Wirklichkeit ist er ein Affe. Der Höhepunkt? Letztes Jahr ist er dann mit Gabi nach Hause gegangen. Seitdem spinnt die völlig." []
(DER STANDARD/rondo/3/12/2004)

Von Martin Amanshauser geb. 1968, Autor
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amanshauser.at

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