"Wirtschaftswunder" am Kap der Guten Hoffnung

10. Dezember 2004, 15:04
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Afrika ist nicht nur von Katastrophen beherrscht, eine Reihe von Staaten erwarten ordentliche Wachstumsraten - Südafrika bleibt der Wirtschaftsmotor der Region

Krise in Darfour, Chaos in der Elfenbeinküste: Auch in diesem Jahr haben Kriege und Krisen wieder den Blick auf Afrikas wirtschaftliche Glanzlichter verstellt. Dabei können die sich durchaus sehen lassen. Staaten wie Botswana, Namibia, Mosambik oder das ölreiche Angola erwarten mindestens fünfprozentige Wachstumsraten.

Auch wenn das bei Weitem nicht ausreicht, um die Massenarmut nachhaltig zu verringern: Der Trend ist auch wegen des zunehmenden Handels innerhalb der Region positiv.

Weltweit leistungsfähigster Schwellenmarkt

Doch das stärkste Signal geht vom Wirtschaftsmotor Südafrika aus, der sich als weltweit leistungsfähigster Schwellenmarkt profilierte. Vom "Wirtschaftswunder am Kap" ist bereits die Rede. Während in den westlichen Industrieländern Dax & Dow vor sich hin dümpeln, jagt die Johannesburger Börse von einem Rekordhoch zum anderen.

"Es gibt überzeugende Hinweise, dass Südafrikas Wirtschaft stärker wächst, als die meisten überhaupt wahrnehmen. Wir befinden uns in der längsten Wachstumsphase seit Ende des Zweiten Weltkriegs", sagt der Ökonom Mike Schüssler.

Die Rahmenbedingungen sind für den größten Gold-und Platinproduzenten der Welt dank vorsichtiger Finanzpolitik und guter Anpassung an den Weltmarkt so günstig wie nie zuvor. Internationale Kreditagenturen bescheinigten dem Kap-Staat Bestnoten. Die Inflation ist trotz des Ölpreisanstiegs mit 4,2 Prozent so niedrig wie selten zuvor und stärkt das Verbrauchervertrauen.

Weltmarktqualität

Großkonzerne wie VW, DaimlerChrysler, Toyota oder BMW investieren Milliarden in den Automobilstandort, der bei günstigen Kosten und hoher Qualität für den Weltmarkt produziert. An der Börse Johannesburg zieht der südafrikanische Leitindex zunehmend ausländisches Interesse an.

Ob Aktien des Ölkonzerns Sasol, des Getränkekonzerns SABMiller, der Absa-Bank oder des größten nationalen Bekleidungskonzerns Egdars: Sie alle glänzen mit meist zweistelligen Gewinnsprüngen. Umso erstaunter sind die Ökonomen des Landes über die Ignoranz in Europa, wo der gesamte Kontinent bei Anlegern oft "übersehen" wird.

Nach UN-Angaben zog Afrika 2003 mit 15 Mrd. Dollar nur drei Prozent der weltweiten Investitionen an. China, das zunehmend in Afrika investiert, brachte es dagegen auf 53 Mrd. Dollar (39,9 Mrd. Euro).

Doch der Boom am Kap hat eine Kehrseite: Die stärker werdende südafrikanische Landeswährung Rand macht den Exporteuren immer stärker Kopfschmerzen. Selbst der auf neues Rekordniveau kletternde Goldpreis bereitet Südafrikas Bergwerken da kaum noch Freude. Der Immobilienboom dämpft weiter den Enthusiasmus: Die Immobilienpreise am Kap sind nach einer zweistelligen Steigerung im Vorjahr heuer noch einmal um 35,6 Prozent geklettert. (DER STANDARD Printausgabe, 02.12.2004)

Ralf E. Krüger aus Johannesburg
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