Licht-Bilder-Vortrag

10. Dezember 2004, 19:16
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Lichtkünstler James Turrell im Gespräch mit Oliver Elser über Skelette an der Ringstraße, das Fliegen und seine Installation für das Museum für Angewandte Kunst

der Standard: Herr Turrell, was hat Sie an der Aufgabe interessiert, eine Lichtinstallation für die Fassade des Museums für Angewandte Kunst (MAK) zu entwickeln?

James Turrell: Normalerweise arbeite ich mit großen Glasfassaden. In Leipzig etwa, oder in Paris bei der neuen Citroën-Fabrik. Aber das waren alles moderne Gebäude. Hier in Wien habe ich es sehr genossen, an einem historischen Gebäude zu arbeiten. Es ist, nach einem römischen Aquädukt bei Nîmes, das zweiälteste, mit dem ich bisher zu tun hatte. Das Schöne an solchen Aufgaben ist, dass es einfach viel mehr Substanz gibt, auf die ich reagieren kann.

Wie würden Sie selbst diese Arbeit beschreiben?

Turrell: Am Ring gibt es viele Gebäude, die nachts angestrahlt werden. Sie erinnerten mich an Skelette. Die Fenster der Bauten bleiben schwarz und sehen aus wie leere Augenhöhlen. Ich wollte das umkehren, also das MAK von innen leuchten lassen, statt sein Gerippe hervorzuheben. Die Lichtquellen sitzen hinter den Fensterrahmen und beleuchten einen straff gespannten Vorhang. Die Lichtstärke ist sehr gering, aber die intensiven Farben gleichen das aus. Ein Museum wie das MAK erfordert eine andere Sensibilität als ein neues Gebäude, allein schon aus Gründen des Denkmalschutzes. Jedes Fenster ist daher autonom. Es gibt nur einen Stromanschluss, keine weitere Verkabelung. Die Lichtfarben können per Funk- signal programmiert werden.

Die ersten Skizzen für das Projekt entstanden bereits 1998 anlässlich einer großen Ausstellung im MAK mit vielen Ihrer Arbeiten. Warum hat die Realisierung so lange gedauert?

Turrell: Es ist ein sehr aufwändiges Projekt. Erst dank der Hilfe des italienischen Unternehmens Targetti gelang es, die Lichtquellen so diskret wie möglich zu halten. Jetzt haben wir zwei Geschoße beleuchtet, das Erdgeschoß soll noch folgen.

Sie besitzen einen Pilotenschein. Treffen Sie beim Fliegen auf die intensiven Farben, die Ihre Arbeiten bestimmen?

Turrell: Im Himmel sehen Sie nicht nur die Farben in einer völlig anderen Intensität. Es verändert sich etwas sehr Grundsätzliches, denn als Pilot lernen Sie, dass der Himmel nicht nichts ist. Man fliegt durch etwas fast Flüssiges hindurch, die Luft wird zum Material, einem wunderbar intensiv leuchtenden Material. Damit arbeitete ich auch in meinen Installationen, von denen die meisten ja in Innenräumen entstanden sind, nicht an Fassaden, wie hier im MAK. Es geht immer wieder um die Frage, wie so etwas Körperloses wie Licht dann doch einen Körper bekommt und einen Raum bildet. Wir sind gewohnt, das Licht nur in Bezug auf etwas anderes zu sehen, als Beleuchtung, die von einer Fläche oder einem Gegenstand reflektiert wird. Im Himmel aber formt das Licht einen Raum ohne Wände. Als Pilot kann ich diesen Raum spüren, er besteht aus Masse.

Diese Masse holen Sie auf die Erde zurück?

Turrell: In meinen Arbeiten, ja. Licht und Raum gehen darin eine enge Verbindung ein. Aber ein Lichtraum ist nichts, was nur in der Kunst existiert. Ohne es zu merken, tauchen wir täglich durch das Licht hindurch. Es ist sogar Teil unserer Ernährung. Wir nehmen es auf, durch die Haut. So wird Vitamin D produziert, das ist überlebenswichtig.

Ihr größtes Projekt ist der "Roden Crater", ein Vulkan, an dem Sie seit Jahren arbeiten, auf eigenem Grund und auf eigene Rechnung. Wird das System aus Gängen und "Himmelsräumen", das an ein frühzeitliches Observatorium erinnert, eines Tages öffentlich zugänglich sein?

Turrell: Ja, das wird es. Im Moment lebe ich dort, aber eines Tages wird es Zeit sein zu gehen. Ich habe es immer bewundert, wenn jemand eine Vision verfolgt und dann einfach verschwindet, wenn er meint, dass er das Werk in die Welt entlassen muss. Der Kontakt mit dem Publikum ist für die meisten Künstler sehr schwierig. Es ist nicht so, dass mich mein Publikum nicht interessiert. Ich mag es mir nur lieber abstrakt vorstellen, als direkt damit konfrontiert zu sein.

Aber im Moment ist dort Ihr Wohnsitz, mitten in der Wüste?

Turrell: Ich wohne dort in einem Farmhaus. Das Land ist nicht so karg. Neben der Arbeit an dem Krater habe ich viel unternommen, damit das Land sich selbst erhalten wird. Dazu bin ich gezwungen, weil sich in den USA der Staat nicht darum kümmern würde. Nie waren wir reicher, aber für die Kultur sind es schlechte Zeiten. Das merke ich sogar hier in Europa, wo die Budgets im kulturellen Sektor gekürzt werden.

Sie fliegen mit dem Flugzeug zurück?

Turrell: Aber nicht selbst! Ich bin einmal zu einer Ausstellung selbst über den Atlantik geflogen. Es war anstrengend, ich brauchte viel länger als Charles Lindbergh. (DERSTANDARD/rondo/03/12/04)

  • Artikelbild
    foto: mak
  • James Turrell

    James Turrell

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