VIP-Bereich

9. Dezember 2004, 17:18
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+++ Pro & Contra ---: Im VIP-Bereich herrscht Kommunikationszwang, da kennt jeder jeden, da wird fortdauern geküsst,...

+++Pro
von Ronald Pohl

VIP-Bereiche sind der sinnfälligste Beweis für das viel beschworene Ende der Aufklärung: In ihrem nach Gebratenem und Gesottenem duftenden Einzugsgebiet ("Catering!") wird dem Zustandekommen einer Funktionselite gehuldigt, mit deren Auftreten die alte Geltung des bevorrechteten Adels als grob plebiszitäres Schmierentheater nachgestellt wird.
In VIP-Bereichen gilt das Prinzip leiblicher Anwesenheit. So genannte Prominente werden zur Zeugenschaft für mehr oder minder unverzichtbare "Events" aufgerufen. An die Stelle der Sachwalterschaft tritt die Epiphanie des reinen, des wahrhaft unverfälschten Augenblicks. Denn in einer Art von Beweislastumkehr bezieht der irgendwie sehr wichtige "Promi" den stattfindenden Festakt auf sein ganzes, gebündeltes Dasein, wodurch er sein Selbstgefühl zu steigern vermag, das ihm ansonsten unter der Bürde seiner eigenen Wichtigkeit nicht anders als fade und schnöde erschiene. Er wäre, um beispielsweise an den beliebten Baumeister Richard Lugner zu denken, auf das Rühren jenes Mörtels verwiesen, dem er zwar seinen Rang als Baulöwe und den zärtlichen Kosenamen verdankt, der ihn - als reiner "Betriebsstoff" betrachtet - jedoch an der unverfälschten, interesselosen Ausübung seiner Wichtigkeit bloß hindern würde.
Daher muss ein solcher "VIP" ungesäumt die Gefilde der Seligen ansteuern können, wo ihn seinesgleichen empfängt - ihn herzt, damit er die böse Kelle nie wieder anfassen muss.

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Contra ---
von Markus Mittringer

Es ist ja schon in der normalen Gesellschaft schlimm genug: Nüchtern kaum zu ertragen, überlebt man, sagen wir, eine Vernissage oder die sich neuerdings häufenden Eröffnungen asiatischer Suppenküchen ja doch nur mit dem Achtel rechts und der Marlboro links. So hochgerüstet lässt sich gerade noch von irgendwem ein herzliches Bussi empfangen. Der Fruchtgenuss vom lauwarmen Buffet dagegen ist schon ganz unmöglich. Nur ab und an kommt einer auf die blöde Idee mit dem Händeschütteln, und man selbst damit in die Bredouille. Aus der heraus man sich aber jederzeit vermittels der Einführung einer peinlichen Situation retten kann. Weil: In der normalen Gesellschaft ist allen dauernd irgendetwas peinlich. Weil die normale Gesellschaft ja in den VIP-Bereich möchte und so dauernd bemüht ist, auf dem Weg dorthin keinen Fehler zu machen. Im VIP-Bereich dagegen ist man völlig entmündigt. Dort ist nichts peinlich. Da kann man machen, was man will, es gilt als originell. Und ehe man es sich versieht, steht man im Mittelpunkt. Im VIP-Bereich herrscht Kommunikationszwang, da kennt jeder jeden, da wird fortdauern geküsst und palavert, dass es ein Horror ist. Da wird ein derart inniger Austausch untereinander gepflegt, dass am Ende nur mehr ein einziger, großer VIP-Körper überbleibt, eine riesige, pulsierende Masse mit unendlich vielen Löchern, die Freundlichkeit auszuscheiden scheint. Also ich find' das grauslich. (DERSTANDARD/rondo/03/12/04)
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