Frauentraum IT-Branche?

2. Dezember 2004, 07:00
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Eine länderübergreifende EU-Studie beleuchtet die Bedingungen für Frauen in einem deregulierten Berufsfeld, wo ständig neue Jobs entstehen

Über den geringen Frauenanteil im IT-Sektor gibt es genügend Zahlen – Daten, die nicht immer für besonders große Aussagekraft stehen. Ein Grund dafür liegt in Forschungsfragen, die Differenzierungsmöglichkeiten von Vornherein ausschließen. "Es gibt dann zwar Zahlen über den Frauenanteil im Projektmanagement, aber das sagt nichts über die vielen verschiedenen Arten von Projektmanagement und deren unterschiedliche Attraktivität für Frauen aus", erklärt Andrea Birbaumer von der TU Wien im Gespräch mit dieStandard.at. Sie hat in den letzten beiden Jahren gemeinsam mit Ina Wagner und Marianne Tolar für Österreich an einer EU-Studie gearbeitet, die den Frauenanteil in der IT-Branche in sieben verschiedenen Ländern der EU (Österreich, Belgien, Frankreich, Italien, Irland, Portugal und Großbritannien) beleuchtet.

Wesentlicher Ansatzpunkt der Studie war die Ausweitung des Forschungsraumes. "Der häufig vorzufindende Fokus auf die klassischen IT-Bereiche Netzwerktechnik, Softwareentwicklung sowie Produkt- und Systementwicklung wird dem Boom in der IT-Branche mit seinen ständig wandelnden, neuen Jobprofilen nicht gerecht", so Birbaumer. Aus diesem Grund wurden auch rund um den klassischen IT-Sektor angesiedelte Bereiche, wie der Internet- und Multimediabereich, e-commerce/e-business, Management und die "qualifizierten Informations-ArbeiterInnen", wie HelpDesk-Verantwortliche, Info-BrokerInnen, BibliothekarInnen und auch Online-RedakteurInnen, miteinbezogen.

Freud und Leid

Das Datenmaterial setzte sich aus insgesamt 140 biographischen Interviews (33 davon mit Männern) und mehreren Firmen-Fallstudien aus allen beteiligten Ländern zusammen. Frauen wie Männern empfinden die langen und vor allem unregelmäßigen Arbeitszeiten als die größte Belastung in ihrem Beruf. Für Frauen mit Versorgungspflichten entstehen wirkliche Nachteile, weil sie Beruf und Familie kaum vereinbaren können. Solche Frauen verlassen die Branche eher wieder und streben auch weniger höhere Positionen an. Als positiv vermerkten die Befragten die Autonomie, das gutes Einkommen, den Status, die Selbständigkeit sowie die Selbstorganisationsmöglichkeit, die die IT-Branche ihnen ermöglicht.

Nach eindeutigen Merkmalen der "IT-Frau" suchten die ForscherInnen vergeblich. Einige biographische Muster fanden sie aber doch heraus: "Geradlinige Verläufe" zeigten schon früh Interesse an Naturwissenschaften. Viele Frauen verstehen Technik wiederum als Hilfsmittel, um ihr künstlerisches oder journalistisches Interesse zu verwirklichen. Andere betrachten die IT-Branche als erstrebenswertes Berufsbild, um ihren sozialen Status zu verbessern oder dem ländlichen Raum bzw. dem eigenen Milieu zu entfliehen.

Länderspezifische Unterschiede

Der Vergleich der einzelnen Länder ist insofern problematisch, als unterschiedliche Erhebungszeitpunkte und Definitionen vorliegen. Wichtig ist, dass es in allen untersuchten Ländern eine Unterrepräsentation von Frauen gibt. In allen untersuchten Ländern liegt der Frauenanteil unter einem Drittel. "Dies ist umso bedeutsamer, weil sich die IT-Branche ständig entwickelt und immer mehr Jobs entstehen", so Birbaumer alarmiert.

Aussagekräftiger sind die Unterschiede zwischen Regionen und weniger zwischen Ländern: "Das städtische Umfeld bietet mehr Jobmöglichkeiten und Karrierechancen für Frauen, die Mobilität zwischen den Jobs ist auch größer", weiß Birbaumer.

Anregungen

BetreuerInnen im Bildungsbereich legt die Studie nahe, Informationen über die IT-Branche so differenziert wie möglich weiterzugeben. Eine genaue Beschreibung der Jobprofile und die weitgehende Anpassung der Arbeitsbedingungen an die Situation von berufstätigen Frauen und Männern sei für die langfristige Erhöhung des Frauenanteil im IT-Bereich ebenfalls notwendig, so Birbauer abschließend. (red)

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