Kopf des Tages: David Blunkett

2. Dezember 2004, 21:34
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Ein Hardliner als Objekt der Rache

Ein guter Draht zum Innenminister kann manchmal Wunder bewirken. Leoncia Casalme könnte da aus dem Nähkästchen plaudern. Das Kindermädchen von den Philippinen wollte gern auf Dauer in England bleiben. Sorry, schrieb man ihr nach dem ersten Antrag, allein die Bearbeitung werde dauern, so ungefähr zwölf Monate. Aber nur 19 Tage später besann sich die Einwanderungsbehörde eines Besseren und stellte der Nanny ein Dauervisum aus.

Zufall? Jedenfalls wollen jetzt alle wissen, ob David Blunkett, der britische Innenminister, im Hintergrund die Fäden zog. Miss Casalme besorgt den Haushalt von Kimberley Quinn - die US-Bürgerin gibt das stramm konservative Magazin Spectator heraus und hatte mit dem Labour-Mann Blunkett eine innige Affäre. Er war, so sagen "Freunde", richtig liebeskrank.

Das Glück währte ganze drei Jahre, im August gab die Publizistin dem Minister den Laufpass, um in die Arme des Ehemanns zurückzukehren. Und weil der verlassene Geliebte darauf besteht, dass er und kein anderer der Vater des zweijährigen Sohnes von Kimberley Quinn ist, rächt sie sich, indem sie brisante Geschichten ausstreut. Etwa über das Visum der Nanny.

Womöglich muss Blunkett die Liaison noch mit dem Verlust seines Amtes bezahlen. Dabei gehört er zu den wichtigsten Stützen von Premier Tony Blair - ein Mann, über den der Chef seine schützende Hand hält. Mit knallharten Antiterrorgesetzen und einer restriktiven Asylpolitik schirmt er New Labour vor Law-and-Order-Attacken von rechts ab und raubt den Tories potenzielle Wahlkampfmunition.

Die Lebensphilosophie des 57-Jährigen kreist um die Aussage, dass jeder Erfolg haben kann, wenn er sich nur anstrengt, ungeachtet seiner sozialen Startposition. Blunkett hat selber vorgemacht, wie es geht. In ärmlichen Verhältnissen geboren, verlor er in früher Kindheit das Augenlicht. Als er zwölf war, fiel sein Vater im Gaswerk in einen Kessel voll brühenden Wassers und starb einen qualvollen Tod. Der krebskranken Mutter fehlte das Geld, um einen Grabstein zu kaufen.

Der Junior biss sich mit eiserner Disziplin durch, machte am Abendgymnasium seine Matura, studierte Politikwissenschaften und engagierte sich in der Labour-Partei. Mit 22 wurde er in seiner Heimatstadt Sheffield Gemeinderat. Abends, wenn seine Kollegen im Pub oder zu Hause vorm Fernseher saßen, studierte er Aktenberge in Blindenschrift und hörte sich Tonbandprotokolle früherer Sitzungen an. 1997 holte ihn Blair in seine erste Regierungsmannschaft: als Bildungsminister. Seit Labours Wiederwahl leitet Blunkett das Innenressort. Von seiner ersten Frau, mit der er drei Söhne hat, trennte er sich 1987, nach 17 Jahren Ehe. (Frank Herrmann/DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2004)

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