Mit Pferdestärken in den Kriegsmorast

1. Dezember 2004, 19:01
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Napoleon (1769-1821) und die Raserei

Hegels berüchtigtes Napoleon-Diktum vom "Weltgeist zu Pferde" trifft den heikelsten aller Punkte. Den Fortschritt, den Napoleon Bonapartes beispielloser Siegeszug vor rund 200 Jahren für ein von Duodezfürsten geknechtetes, in Agonie erstarrtes Europa verhieß, konnte man nur noch in Geschwindigkeitsbegriffen erfassen: in Pferdestärken.

Fortan war "Politik", die in den Wirren der Französischen Revolution gerade eben eine atemberaubend blutige Neuauslegung erfahren hatte, ein Projekt für ehrgeizige Technokraten auf feuchten Pferderücken. An die Stelle einer uneinsichtigen Kabinettspolitik im Dunstkreis erblicher Souveräne trat mit Napoleon das Mandat einer reichlich unverfrorenen Selbstermächtigung.

Der Charme des Korsen war ein gleichsam "proletarischer": Sein Projekt als Erster Konsul und, ab 2. Dezember 1804, als von eigener Hand gekrönter Kaiser war, entgegen einer übel wollenden Fama, vertrauensstiftend gemeint.

Die Idee, die Unverbrüchlichkeit der im Zuge der Revolution erworbenen Errungenschaften mit den blinkenden Bajonetten westfälischer, italienischer, schwedischer, preußischer, flämischer, polnischer und französischer Bauernkinder in Europa zu verbreiten, nahm das Projekt einer "Einigung" vorweg - lange, bevor sich der Zentralkontinent als friedlich geeintes Massensubjekt verstand. Am meisten verdutzt freilich das Primat der Geschwindigkeit, mit der ein korsischer Revolutionsgeneral die Bastionen der "Reaktion" blindlings niederrannte - um sich spätestens in den Weiten Russlands unrettbar zu verlieren.

Etwas von der beispiellosen Mobilisierungsgewalt Bonapartes teilt sich in den Zeugnissen der als Zaungäste staunenden Intellektuellen mit. Mit Goethe besprach sich der korpulente Imperator 1807 als Förderer der schönen Künste.

Dichter wie der rasende Heinrich von Kleist eilten flugs nach Boulogne, um sich im Tross einer niemals zustande kommenden Invasionsarmee - es ging wie immer gegen England - nach Maßgabe geringer Fähigkeiten nützlich zu machen. Kleine Fürstenbüttel rieben sich ungläubig die Augen und starrten empor zu einem wahnwitzigen Projektemacher mit Zweispitz - der blutige Feldschlachten wie Pokerpartien anlegte, der Wirtshausschläger aus der französischen Rheinarmee mit Herzogstühlen bedachte, sie mit Samttressen behängte und den "Laden" Europa wie ein schmieriges Familienkontor schmiss.

Dafür gebührte ihm der Respekt einer Welt, die sich nur deswegen nicht "frei" nannte, weil ihr die zähe Erringung demokratischer Rechte in blutigen Barrikadenkämpfen noch bevorstand. Frankreich hat seinen kleinen großen Sohn nie vergessen: Hat ihm posthum eine brokatene Würde angedichtet, von der die machtbewussten Sarkozys heute zehren.

Napoleon war gewiss alles andere als ein "Demokrat" (er "schiss", wie er Metternich 1813 erklärte, bekanntlich auf das Leben tausender Soldaten). Aber er gewährte den faszinierenden Vorschein auf eine Kultur der Selbstermächtigung, die, im bändigenden Gewande der Demokratie, den "Reformgeist" als das A und O jeder ernst zu nehmenden, modernen Politik beschwört. So viel Unternehmungsgeist war einmal aller Ehren wert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.12.2004)

Von Ronald Pohl
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