Industrie sagt Überstunden den Kampf an

29. Dezember 2004, 10:23
32 Postings

Die Industrie fordert in der Arbeitszeitdebatte bis zu zweijährige Durchrechnungs- zeiträume, was zu einer massiven Reduktion von bezahlten Überstunden führen würde

Wien - Die Industrie lässt beim Thema Arbeitszeitflexibilisierung nicht locker. Trotz der bisher ablehnenden Haltung der Arbeitnehmerseite, zuletzt bei den Kollektivvertragsverhandlungen der Metaller, erneuert die Industrie ihre Forderungen und legt sogar noch eines drauf: Um flexible, also konjunkturabhängige Jahresarbeitszeitmodelle zu ermöglichen, sollten Durchrechnungszeiträume von bis zu zwei Jahren und individuelle Arbeitszeitkonten eingeführt werden. Diese Position vertrat am Mittwoch Wolfgang Damianisch, Industrieobmann in der Wirtschaftskammer Österreich.

Bei der Arbeitszeitflexibilisierung geht es im Kern um einen Abbau der für die Betriebe zu bezahlenden Überstunden beziehungsweise deren Abgeltung in Form von Zeitausgleich. Je länger die dafür zulässigen Durchrechnungszeiträume sind, desto größer die Ersparnis für das Unternehmen.

50 Prozent weniger Überstunden

Bei einem durchschnittlichen Industriebetrieb reduziert sich der Überstundenbedarf bei einem Modell von plus/minus 50 Stunden in einem einjährigen Durchrechnungszeitraum bereits um 50 Prozent. Dies ergab eine jüngst vorgestellte Studie des Beratungsunternehmens Czipin.

Das Problem in der Praxis ist allerdings, dass schon bei einem einjährigen Durchrechnungszeitraum der durchschnittliche Arbeitnehmer drei Monate braucht, um die durch Mehrarbeit angehäuften Zeitgutschriften abbauen zu können. Auf die absehbaren Einkommensverluste für Arbeitnehmer angesprochen, sagte Damianisch: "Der Einkommensverlust ist am größten, wenn der Arbeitsplatz wegfällt."

Was die Industriekonjunktur anbelangt, ist Damianisch verhalten optimistisch. Die absehbar nachlassende Exportdynamik werde 2005 durch eine steigende Inlandsnachfrage und Investitionen kompensiert werden. Die Industrieproduktion werde heuer "ganz deutlich" wachsen, und jedenfalls höher liegen, als "wir noch zu Jahresbeginn erhoffen konnten".

Diffuse Konjunktur

Die Bank Austria-Creditanstalt ist pessimistischer, ihr Einkaufsmanagerindex hat seinen im August begonnenen Rückgang fortgesetzt: Im November lag er mit 52,3 Punkten erneut unter dem Wert des Vormonats. "Die von uns seit Längerem erwartete Abkühlung der Industriekonjunktur wird immer greifbarer", sagte BA-CA-Ökonom Stefan Bruckbauer. Der Einkaufsindex liegt nun auf dem niedrigsten Wert seit Juni 2003.

Außerhalb Österreichs sieht es jedoch wesentlich schlechter aus: Der Anstieg des Euro und die Flaute in der Binnenwirtschaft haben die Erholung der Industrie in Deutschland und der Eurozone im November unerwartet abrupt zum Stillstand gebracht. Der Reuters-Einkaufsmanagerindex rutschte unter 50 Punkte und signalisierte damit ein Ende des seit einem Jahr andauernden Wachstums. (miba, DER STANDARD Printausgabe, 02.12.2004)

Share if you care.