Die Unschuld der frühen Jahre

1. Dezember 2004, 18:25
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Vor 20 Jahren begann in der Hainburger Au die lange politische Reise der Grünen - von Samo Kobenter

Von den Bildern schimmert der rührende Glanz der Jugend herüber und löst allerlei sentimentale Gefühle aus: Damals, im Winter 1984 in der Au, da waren sie noch jung und unverdorben, die Au^hirsche, Schwarzstörche, Blaumeisen, Laufkäfer.

Den meisten ist ja bald das Geweih abgefallen, wurden die Federn gerupft, und das Häufchen der Grünen, das sich aus der breiten, alle politischen Himmelsrichtungen umfassenden Bewegung anschickte, eine richtige Partei zu werden, ist sukzessive ^gewachsen und längst angekommen.

Der Protest in der Hainburger Au, von Bundessprecher Alexander Van der Bellen als "Geburtsstunde" der grünen Partei in Österreich bezeichnet, ist ein Gründungsmythos geworden, der, wie alle Mythen, zur Dekonstruktion reizt - die zeigt vielleicht, was die Grünen damals waren und was sie heute sind.

Die Demonstrationen in der Au richteten sich vor allem gegen die Betonierer-SPÖ von 1984, die mit ihrem kaum in Erscheinung tretenden Koalitionsanhängsel FPÖ nicht begreifen wollte, dass sich die Zeiten seit dem Nein zum Atomkraftwerk Zwentendorf sieben Jahre zuvor endgültig geändert hatten.

Im Rückblick scheint es heute, wo keine Partei und kaum ein global agierendes Wirtschaftsunternehmen ohne ursprünglich grüne Agenda - wie ernst sie auch gemeint sein mag - auskommt, nachgerade unvorstellbar, wie verbissen die damals Regierenden und weite Wirtschaftskreise das Bedürfnis nach ökologischer Neuorientierung zu marginalisieren suchten.

Der Sieg der Demonstranten in Hainburg beschleunigte einen allgemeinen Paradigmenwechsel und brach auch den Grünen Bahn, die diesen in die Politik trugen. Das ist ein historisches Verdienst, das ihnen niemand nehmen kann.

Aber ebenso sicher, wie die Grünen von Hainburg profitierten, ist, dass nicht sie ^allein die Regierung in die Knie zwangen, sondern dass es eine breite, alle bürgerlichen Schichten umfassende Allianz war, die noch dazu auf eine zuvor kaum gesehene mediale Unterstützung zurückgreifen konnte.

In dem Ausmaß, in dem sich grünes Gedankengut auch in den anderen Parteien durchzusetzen begann, verloren die Grünen ihren Alleinvertretungsanspruch als Umweltpartei. Nicht so sehr die Umwandlung von einer Bewegung in eine Partei, die Freda Meissner-Blau neulich bedauert hat, prägte die Lehrjahre der Grünen, sondern die Umsetzung einer mittelfristig Erfolg versprechenden Strategie, die über die Ökologie hinaus identitätsstiftende grüne Themenfelder finden musste.

Dass dabei der Überschwang aus den Umweltschutztagen des Beginns verloren ging, vermittelte den Eindruck, innerhalb der Grünen bewegten sich die Ökofundis und die Realos in verschiedene Richtungen. Dieses Erscheinungsbild prägte den Auftritt der Grünen nach außen mehr oder weniger stark bis zur Wahl Alexander Van der Bellens zum Parteichef.

Unter seiner Führung wurden die Grünen politisch erwachsen und legten sich ein erweitertes Kompetenzprofil zu, das umso deutlicher in den Sozial- und Wirtschaftsbereich changierte, je nachlässiger dieser von der SPÖ wahrgenommen wurde.

Der Aufschwung der Grünen war auch ein Erbe der inhaltsleeren Klima-Jahre, und seit den letztlich gescheiterten Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP sind sie endgültig im Vorhof der Macht angelangt. Möglicherweise weinen manche den Tagen der Hainburger Unschuld nostalgische Tränen nach, ernsthaft herbeisehnen dürfte sie aber niemand: Denn genau dafür, irgendwann in ferner Zukunft die Dinge aus Regierungspositionen aus zu verändern, sind sie damals von der Au ins Parlament gezogen. Und für das "Irgendwann" sind zwanzig Jahre keine allzu lange Zeit.

In Gründungsmythen ist auch der Zug zur Selbstverklärung von Beginn an angelegt. Das wärmt ein bisschen, wenn man sich an der Tagesrealität zu verkühlen droht - mehr nicht. Und es ist immer nur der Anfang einer Geschichte, nie das Ende. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2004)

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