Der Porzellan-Revoluzzer

5. Dezember 2004, 22:02
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200 Jahre Kaiserkrönung: Frankreich gedenkt seines schwierigen Sohnes Napoleon

Vor genau 200 Jahren krönte sich Napoleon Bonaparte, ein korsischer Emporkömmling, zum Kaiser Frankreichs: Die "Grande Nation" gedenkt ihres schwierigen Sohnes.


Am 2. Dezember 1804 wird der erste Konsul Napoleon Bonaparte in der Kathedrale Notre-Dame de Paris in Gegenwart von Papst Pius VII. zum Kaiser gekrönt. Napoleon setzt sich die Krone selbst auf, um anschließend seine Gattin Joséphine zu krönen. Er verpflichtet sich, die Einheit des Landes zu verteidigen, für die Gleichheit der Rechte, der Freiheit und der Religionsausübung der Bürger zu kämpfen, das Eigentum zu respektieren. Die Zeremonie der Kaiserkrönung endet als Eid auf die Französische Revolution.

200 Jahre später feiert Frankreich auf republikanisch-diplomatische Weise seinen zum Mythos erhobenen Exkaiser, der 1815 abdanken musste und vereinsamt auf St. Helena verstarb. Die staatlichen Museen, Organisatoren von Kolloquien und Kaiserreich-Verkaufsmessen, der ehemalige Juwelen-Hoflieferant Chaumet, Historiker und Verleger nehmen die Gelegenheit wahr, um sich mit dem Phänomen aktuell auseinander zu setzen.

Seit Oktober wurden mindestens 20 Ausstellungen eröffnet, wird in Konferenzsälen debattiert, in Zeitschriften polemisiert. Auch die Auktionatoren beteiligen sich an dem Kult, denn die Person des Eroberers und Gesetzesgebers ist ein einträgliches Sammelgebiet. Auch der Code Civil feiert seinen 200. Geburtstag.

Das Journal du Dimanche veröffentlichte eine Meinungsumfrage, laut der 36 Prozent der Befragten den "Europa erobernden Kaiser" mit Napoleon verbinden, 30 Prozent ihn als "Vater des Zivilgesetzbuches" und 17 Prozent als "Organisator der französischen Verwaltung" erkennen. Nach de Gaulle befindet sich Napoleon im Berühmtheitsranking an zweiter Stelle (18 Prozent), vor Karl dem Großen (13 Prozent), dem der Korse 1000 Jahre später auf den Kaiserthron folgte. Den Pariser Ausstellungsreigen kann man im Louvre beginnen, wo circa 50 Exponate um das legendäre Krönungsbild des Louis David vereinigt wurden.

Im Invalidendom, wohin 1840 die Gebeine Napoleons überführt wurden, hat das Heeresmuseum (Musée des Armées) das 1805 in Auftrag gegebene Livre du Sacre (Buch der Krönung) mit den 40 handbemalten Kupferstichen ausgestellt, die in der Bibliothèque Nationale de France aufbewahrt sind. Der Maler Jean-Baptiste Isabey (1767–1855) war vom Krönungszeremonienmeister Louis-Philippe de Ségur mit den Entwürfen der Bekleidung der an der Kaiserkrönung teilnehmenden Personen beauftragt worden. Seine Zeichnungen wurden auf die Kupferplatten übertragen, wovon 250 Exemplare (unkoloriert) ausgeliefert wurden.

Louvre-Aktivitäten

Der Louvre nimmt die Krönung zum Anlass, eine Neuauflage von den Originalplatten im Subskriptionsverfahren anzubieten. Unkoloriert soll das Werk 2500 Euro, handkoloriert stolze 12.000 Euro kosten. Laut Pariser Antiquaren kostet das Buch mit den Originalabzügen, je nach Erhaltungszustand, zwischen 2000 und 10.000 Euro.

Die Napoleon-Stiftung (Fondation Napoléon) stellt ihre "Napoléana" im fast privaten Rahmen des Musée Jacquemart-André aus: Trésors de la Fondation Napoléon. Dans l'intimité de la Cour impériale unterstreicht den privaten Charakter der Sammlung, z.B. das 1807 bestellte Porzellanservice des Kaisers, Miniaturen, Dosen der Kaiserin oder ihrer Nachfolgerin Marie-Louise.

Sechs staatliche französische Museen reihen sich selbstverständlich ein: Das Musée de la Maison Bonaparte im korsischen Ajaccio, die Museen und die Schlösser von Malmaison und Bois-Préau, das Museum Ile d'Aix, das Schlossmuseum in Fontainebleau sowie Schloss Compiègne. Auch Versailles ließ es sich nicht nehmen, seine Empire-Säle wieder zu eröffnen und an die Ägypten-Eroberung von 1798 zu erinnern.

Sotheby's Paris, wo bereits 2003 mit Napoleon und dem Empire 2,1 Mio. Euro Auktionserlös eingefahren wurde, verdoppelt heute das Angebot. Das Auktionshaus Piasa hat den bisher unbekannten Entwurf des Testaments von Napoleon anzubieten, das der Todkranke 1821 diktierte. Die Schätze des Kaisermythos: ein nicht enden wollendes Geschäft.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.12.2004)

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