"Wir sind selbst giftig"

16. Dezember 2004, 14:36
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Deutsche Bank-Chefökonom Norbert Walter im STANDARD-Interview über rosige Konjunkturaussichten und warum er die deutschen Banken für giftig hält

STANDARD: Sie haben beim Business Circle in Wien Ihre Wirtschaftsprognose erläutert. Sie sagen den USA 2006 abflauendes Wachstum, der EU 2005 plus zwei Prozent, Deutschland die Belebung der Konsumnachfrage voraus. Mit all dem stehen Sie allein da. Wie erklären Sie Ihre positive Prognose?

Walter: Ich werde mit meiner Herbstprognose noch ein halbes Jahr unendlich einsam bleiben. Aber mein Bauch sagt mir, dass in der EU übertriebener Pessimismus herrscht.

In Kontinentaleuropa wird die exzessive Zurückhaltung bei den Ausgaben für langlebige Konsumgüter enden, die Exporte werden auch 2005 gut laufen; besonders auf Märkten wie Russland, Naher Osten, Mittel- und Osteuropa. Ich gehe daher davon aus, dass die Exporte 2005 um sechs Prozent, die Inlandsnachfrage um zwei Prozent steigen.

STANDARD: Was macht Sie bei der Nachfrage so sicher?

Walter: Das Pensionsantrittsalter steigt, die Wochenarbeitszeit steigt, die Bereitschaft zu geringfügiger Beschäftigung steigt. Da beginnt eine andere Haltung, die Leute bekommen wieder mehr Vertrauen und werden daher mehr Geld ausgeben.

STANDARD: Sind Sie auch beim Ölpreis so optimistisch?

Walter: Der Ölpreis wird um fünf, sechs Dollar sinken und bei 40 Dollar je Fass landen. Auch daraus ergeben sich übrigens Chancen, für alle, die Energie sparend produzieren. Ich bin überhaupt immer wieder verblüfft, wie viele Chancen wir übersehen.

In Asien und China werden jede Menge Kernkraftwerke gebaut. In Deutschland hängen die Atomkraftwerkexperten traurig herum, während ihre internationalen Kollegen längst in China angestellt sind.

STANDARD: Womit rechnen Sie beim Eurokurs?

Walter: Da würde ich auch gerne eine andere Entwicklung sehen, aber dafür müsste das US-Leistungsbilanzdefizit korrigiert werden. Wir werden über die gesamte zweite Legislaturperiode von Bush einen unterbewerteten Dollar haben. Die Nachteile für die Produzenten in Europa bleiben uns sicher bis 2010 erhalten.

STANDARD: Warum sind die Deutschen so pessimistisch, was die Wirtschaft betrifft?

Walter: Pessimismus scheint ihre Natur zu sein. Die Deutschen sind auch im Pessimismus perfekt.

STANDARD: So perfekt auch wieder nicht; gegen den Stabilitätspakt verstoßen sie. Sind Sie immer noch dafür, den Stabilitätspakt eine Zeit auszusetzen?

Walter: Ich bin nicht für eine schlampige Finanzpolitik. Ich bin aber auch nicht dafür, dass wir weiterhin zugunsten der Alten umverteilen. Ich glaube, dass man der Einhaltung der Dreiprozentgrenze nicht alles Zukunftsrelevante unterordnen darf.

Es ist nicht klug, die Infrastrukturinvestitionen oder die Bildungsinvestitionen zu kürzen und den Jungen so nochmals reinzutreten. Das sind kontraproduktive Wege zum Stabilitätsziel.

STANDARD: In Österreich ist das Verhältnis HypoVereinsbank zur BA-CA akut. Wie sehen Sie die Zukunft der Banken?

Walter: Die Branche in Europa wird sich noch sehr bewegen, aber deutsche und österreichische Banken werden keine Mitgestalter sein. Ich fürchte auch nicht, dass deutsche Banken von internationalen geschluckt werden.

Dem steht die segmentierte Struktur im Weg. Wir brauchen keine Giftpille gegen feindliche Übernahmen, wir sind selbst giftig. (DER STANDARD Printausgabe, 02.12.2004)

Das Gespräch führte Renate Graber
Zur Person

Norbert Walter (60), ist Chef- Volkswirt der Deutschen Bank. Der Bergfex fällt oft mit originellen Ideen auf, zuletzt mit jener, nur "echte Arbeitszeit zu entlohnen, nicht aber Zigaretten- und Teepausen".
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    Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hält nicht jeden Weg zur Erfüllung des Stabilitätspakts für klug und die Österreicher für spritziger als die Deutschen.

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