Gerichtsgeschichte: Schlafsuppe und Raub

1. Dezember 2004, 18:51
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Zwei Freunde haben eine lungenkranke Frühpensionistin mit Rohypnol betäubt und ausgeraubt

Zwei (ehemalige) Freunde aus der Oberschicht des tiefen Wiener Milieus haben eine lungenkranke Frühpensionistin mit Rohypnol betäubt und ausgeraubt. Den Kleineren nennen sie "Mücke", der Behäbigere ist der "Ulle". Während Ulle im mit Schulklassen voll gestopften Gerichtssaal sofort alles zugibt und seine Stimmbänder reuig vibrieren lässt, muckt Mücke noch ein wenig auf. "Bissl aggressiv samma!", fällt der Richterin sofort auf. Aber das stellt sie ihm rasch ab.

Ulle ist gesprächiger. Er sagt: "Ich hab einen Fehler g'habt, ich bin spielen 'gangen zu den Automaten." - "Das ist nur ein Fehler", bestätigt die Richterin, "aber ein schwerer." Doch Ulle hatte auch seine guten Seiten: Nach mehrwöchiger Tätigkeit beim "Schnitzelplatzl" kümmerte er sich um eine asthmakranke Rentnerin, besorgte Einkäufe, wusch Wäsche und erledigte ihre Behördenwege. Diese Sozialleistung schmälerte er insofern, als er begann, die Frau zu berauben. "Warum ausgerechnet sie?", fragt die Richterin. "Es woa kloa, dass i kane nimm, die wos i net kenn", erwidert Ulle. "Und warum mussten Sie sie gleich betäuben?" - "Das ist eine gute Frage", fällt ihm auf. "Und ich bitte um eine gute Antwort", erwidert die Richterin. "Es war eine Schnellreaktion", bemüht sich Ulle.


Na ja. Früher einmal soll er ihr bereits - probeweise - 200 Euro weggenommen haben, als sie (freiwillig) schlief. Die Probe hatte sie bestanden, das Geld fehlte ihr zwar, aber sie verdächtigte alle anderen, nur nicht Ulle. "Er war eigentlich mein sechstes Kind", sagt sie über ihn.

Beim nächsten Mal soll dann schon Mücke mit den "Nerventabletten" seines Opas dabei gewesen sein. "K.O.-Tropfen hat er leider keine besorgen können", entschuldigt sich Ulle. So servierten sie der Dame Kaffee mit Pulver. "Dann samma a Runde um den Block 'gangen, bis sie richtig g'schlafen hat", erinnert sich Ulle. Danach erplünderten sie 5000 Euro - für die Spielhalle, wo sich die Automaten über den kleinen Imbiss freuten.

Da der Verdacht der Rentnerin noch immer nicht auf ihren Betreuer und dessen Freund fiel, kam sie wenig später in den Genuss einer mit Rohypnol versetzten Suppe. Danach fehlten 1600 Euro Bargeld und 307 Stangen Zigaretten aus dem Keller. (Sie handelte nämlich illegal mit Rauchwaren - ein seltsames Hobby für eine Lungenkranke.) Als Zeugin sagt sie über Räuber Ulle: "Eine herbe Enttäuschung!" Der Prozess wird vertagt. (DER STANDARD; Printausgabe, 1.12.2004)

Von Daniel Glattauer
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