"Wir sind so ernst wie ein Roman von Kurt Vonnegut"

6. Dezember 2004, 10:12
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Die wiedervereinte US-Kultband Camper Van Beethoven hat ein neues Album veröffentlicht - STANDARD-Gespräch mit Sänger David Lowery

Wien/Ebensee - Das größte Publikum ihrer Karriere hatten Camper Van Beethoven im Jahr 2002. Doch es stand nicht vor den Bühnen der Clubs, in denen die Band nach 13 Jahren Auszeit ihre ersten Reunion-Shows spielten. Nein, ihr Song Take The Skinheads Bowling eröffnete Michael Moores Doku Bowling For Columbine und erreichte so ein Millionenpublikum.

Der Song stammt aus 1985, vom Debüt der Band aus dem kalifornischen Santa Cruz. Er steht stellvertretend für politische Haltung und die Aufbruchsstimmung der Gegenkultur im Reagan-Amerika, als sich im Underground Stile etablierten, die wenige Jahre später in den Mainstream überführt wurden. CVB, wie die Band abgekürzt wird, waren damals schon Exzentriker unter Exzentrikern.

Ihre Musik war ein Bastard, die Väter stammten aus Rock, Country, Ska und osteuropäischer Folklore. Auf einem einzigen Album schufen sie mehr Crossover als die Popmusik in den folgenden zehn Jahren. Sänger David Lowery: "Als wir 1983 anfingen, fühlten wir uns als Punkrocker. Es gab zwar ein paar verwandte Bands wie die Minutemen oder Meat Puppets, aber die Szene war klein. Man spielte, wo, für oder gegen wen man konnte. Sogar für Skinheads. Aber eben nur so lange, bis wir osteuropäischen Ska oder Take The Skinheads Bowling gespielt haben. Spätestens dann waren die Gigs vorbei - und wir auf der Flucht."

Camper Van Beethoven, die neben der klassischen Rockbesetzung einen stilbildenden Geiger in der Band haben, waren nicht zuzuordnen und auch deshalb bald Kult. Lowery: "Wir erzählten allen, dass wir die neuen Led Zeppelin oder Beatles werden wollten. Jeder dachte, das sei ein Witz. War es aber nicht."

Trotz absurden Humors und stilistischen Wahnwitzes reifte die Musik bald vom charmant-schludrigen zum brillanten Songwriting, das auf den letzten beiden Alben Our Beloved Revolutionary Sweetheart (gemeint war damit Patty Hearst) und Key Lime Pie richtig erblühte. Aus dem Spaß schien Ernst geworden zu sein. Trotzdem brach die Band zu dem Zeitpunkt auseinander, als sich ihre Pionierarbeit zu rechnen begann. Schlechtes Timing? Lowery: "Unsere Vision eines Post-Punk-Klassik-Rock hat sich damals zwar materialisiert. Doch im selben Moment erkannte das der Mainstream, verleibte ihn sich ein und verwandelte ihn in kürzester Zeit zu Müll. Es war Zeit, etwas anderes zu tun."

Millionen Cracker

Im Falle des heute 43-Jährigen war es die Band Cracker, die er 1992 gründete und mit der er im Jahr darauf mit dem Album Kerosine Hat und der Single Low einen Millionenseller platzierte. Die Exkollegen gingen mit der Formation Monks Of Doom den Weg ins Obskure. Nach den Reunion-Konzerten der letzten Jahre - DER STANDARD berichtete - erschien nun das Konzeptalbum New Roman Times (im Vertrieb bei Hoanzl).

Angelehnt an die Biografie eines bekannten Amerikaners ist es eine musikalische Achterbahnfahrt aus Dada-Folk, Progressive-Elementen, elegischen Breitwandsongs und Rockfegern. Der Inhalt: Ein junger Texaner aus einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde geht zum Militär, wird verwundet, beginnt Drogen zu fressen, läuft zum Feind über. Das klingt nicht, als spekuliere man mit den Top Ten oder einem Dauereinsatz im Musikfernsehen.

Lowery: "Nein, wir überlegten zuerst, mit dem Erlös des Albums eine Bananenrepublik zu gründen, aber das hat ja jetzt schon jemand anderer getan. Im Ernst: Bush und seine Politik trafen unsere ,Agit-Pop'-Wurzeln. Weil die Realität jedoch schon so unglaublich erscheint, mussten wir einfach übertreiben."

Keine Angst, damit nicht ernst genommen zu werden? "Wir sind so ernst wie ein Kurt-Vonnegut- oder ein Thomas-Pynchon-Roman. Wir erzählen absurde Geschichten mit den Mitteln der Ironie und des Sarkasmus. Es war uns aber auch wichtig, das typische durchschnittlich-bedauernswerte Reunion-Album zu vermeiden."

Für die US-Kritik ist das gelungen. Sie nennt New Roman Times in einem Atemzug mit der triumphalen Rückkehr der Pixies oder dem ebenfalls sehr souveränen Wiedereinstieg von Mission of Burma, beide CVB-Zeitgenossen. Wie kam es zu dem Albumtitel? Lowery: "Unser Bassist, Viktor Krummenacher, verwendete für die Covergestaltung die Schrift Times New Roman. Da dachte ich: Hm, Times New Roman, New Roman Times, das beschreibt doch die Zustände im heutigen Amerika ganz gut." (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 12. 2004)

CVB live: 2. 12. Wien, Flex, 1., Donaukanal, Beginn 21.00

3. 12. Kino Ebensee, 4802 Ebensee, Schulgasse 2, (06133) 63 08, Beginn 20.00
  • Eine Bananenrepublik gründen oder auf Tour gehen? Die US-Kultband Camper Van Beethoven entschied sich für Letzteres.
    foto: vanguard records

    Eine Bananenrepublik gründen oder auf Tour gehen? Die US-Kultband Camper Van Beethoven entschied sich für Letzteres.

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