"Antares": Das Muster hinter dem Beton

26. März 2005, 22:28
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Drei Paarbeziehungen, die am selben Tag entscheidende Wendungen nehmen: Götz Spielmanns neuer Film "Antares"

Wien - Die Totale einer Großsiedlung am Stadtrand von Wien gibt gleich zu Beginn den Raum vor: ein Bauwerk, das Uniformität suggeriert. Im neueren österreichischen Spielfilm, ob bei Barbara Albert (Nordrand, Böse Zellen) oder Ulrich Seidl (Hundstage), ist das ein wiederkehrender Topos; hier lassen sich Subjektivitäten und Strukturen nachzeichnen, die sich wechselseitig bestimmen - Spuren einer Revolte, die oft schon im Keim erstickt.

Die Gemeinsamkeiten sind bezeichnend, aber auch die Unterschiede sind markant: In Götz Spielmanns neuem Film Antares ist die Siedlung zunächst ein dramaturgisches Feld. Drei Beziehungsdramen laufen hier am selben Tag ab, berühren sich dabei mehr oder weniger lose. Drei Paarkonstellationen, jede für sich auf andere Weise festgefahren und zugleich von einem unbestimmten Begehren angetrieben; jede davon kulminiert in einer Krise, was sie analog zueinander stellt, ohne dass sie sich ineinander fügen.

Spielmann ordnet die Episoden in drei Rückblenden an, um ihren inneren Zusammenhang zu gewährleisten. Die erste, nuancierteste erzählt von der Krankenschwester Eva (Petra Morzé), die aus der Routine ihres Kleinfamiliendaseins ausbricht, als sie dem Geschäftsreisenden Tomasz (Andreas Patton) wieder begegnet. Sie gehen ins Hotel, dort haben sie leidenschaftlichen Sex; sie sprechen wenig miteinander, fotografieren sich nackt und machen manchmal das Personal zu Zeugen ihrer Intimität.

Andere Intervalle

Nichts wirkt spekulativ an diesem Seitensprung, obwohl Patton und Morzé hier mit Mut zur expliziten Darstellung Facetten ihrer Figuren enthüllen, die sie dann außerhalb des Zimmers wie Nachbilder umgeben. Die Kamera von Martin Gschlacht bleibt gefasst auf die Körper gerichtet, mit der gleichen protokollarischen Distanz verfolgt sie die Abläufe zwischen Eva und ihrem Mann (Hary Prinz). Die Ehe muss hier jedoch nicht zum forcierten Negativbild werden. Die beiden haben sich nur zu sehr daran gewöhnt, in unterschiedlichen Intervallen zu leben.

Mit der zweiten Episode wechselt Spielmann vom kleinbürgerlichen ins Arbeitermilieu und passt den Tonfall an: Die Dynamik der Beziehung zwischen der Supermarktverkäuferin Sonja (Susanne West) und dem Plakatierer Marco (Dennis Cubic) wirkt greller, absichtsvoller; wenn hier die krankhafte Eifersucht und erfundene Schwangerschaft der jungen Frau auf die fröhliche Nonchalance ihres exjugoslawischen Freundes trifft, mündet das in dieser Kombination eher in eine Sozialfarce, die sich mehr auf Behauptungen denn auf Beobachtungen verlässt.

Gemeinsam ist beiden Episoden jedoch, dass das Schuldverhältnis nicht einseitig auslegbar ist: Ihr jeweils fatal erscheinender Schluss ist zugleich auch der Akzent für einen Neubeginn, der bestimmte Erfahrungen unausgesprochen lässt. Sonja gesteht Marco beispielsweise nicht, mit der Schwangerschaft gelogen zu haben, und verschweigt dafür ihr Wissen darum, tatsächlich betrogen worden zu sein.

Erst der letzte Teil von Antares entfernt sich von diesem Prinzip: In der Beziehung zwischen Alex (Andreas Kiendl) und Nicole (Martina Zinner) liegt alles im Argen. Immer wieder steht er vor ihrer Tür, immer wieder weist sie ihn ab, weil er in die alten Gewaltmuster zurückfällt. Kiendl liefert die furiose Verkörperung einer angegriffenen Männlichkeit, die sich nur über chauvinistische Übertreibung zu helfen weiß. Von allen Figuren paradoxerweise am meisten in Bewegung, wird ihm als Einzigem keine versöhnliche Aussicht zuteil.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 12. 2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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antares-themovie.com
  • Verspielte Leidenschaft im anonymen Hotelzimmer: Eva (Petra Morzé) und Tomasz (Andreas Patton) in Götz Spielmanns episodischem Drama "Antares"
    foto: filmladen

    Verspielte Leidenschaft im anonymen Hotelzimmer: Eva (Petra Morzé) und Tomasz (Andreas Patton) in Götz Spielmanns episodischem Drama "Antares"

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