Kommentar der anderen: Das Ende der US-TV-Legenden

20. Dezember 2004, 13:37
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Die US-Moderatoren Tom Brokaw und Dan Rather geben den Sessel ab - Was lernen wir daraus? - Von Eugen Freund

Die News-Moderatoren Tom Brokaw und Dan Rather, seit Jahrzehnten die ultimative Antwort auf die Frage des amerikanischen Fernseh- konsumenten "Was gibt es Neues?", geben demnächst den Sessel ab. Was lernen wir daraus?

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Die Begegnung war zugegeben kurz aber historisch. Der Platz vor dem Brandenburger Tor in Westberlin: Hunderttausend Menschen sind auf den Straßen. Überall stehen rasch aufgebaute Gerüste. Auf jedem ist eine Kamera positioniert, die Objektive sind die Mauer gerichtet. Die Mauer.

Es ist der 12. November 1989. Mein Kamerateam und ich suchen auch eine gute Position, um die Grenzöffnung für den ORF festzuhalten. Aber alle Podeste sind besetzt. Nur von einem klettert gerade die Crew hinunter - Tom Brokaw, einer der drei Top-TV-Moderatoren aus den USA, ist mitten darunter.

Ich stelle mich vor, äußere die Bitte, mit meinen Leuten hinaufsteigen zu dürfen. "Sure," sagt er in dem bekannten Bariton und dem unvergleichlichen amerikanischen drawl, "wenn Sie es in zwanzig Minuten schaffen, da brauchen wir den Platz nämlich wieder selbst." Und so kommen wir, billiger als alle anderen, zu unserer Aussichtsplattform.

Tom Brokaw war damals der einzige amerikanische Fernsehmoderator der großen TV-Gesellschaften, der vom Fall der Berliner Mauer "live" berichtete. Heute beendet er, als 64-Jähriger, seine einzigartige Karriere - mehr als 40 Jahre im TV-Journalismus tätig, seit 1982 Abend für Abend in den Wohnzimmern von mehr als zehn Millionen Amerikanern zu Gast. Sieben Jahre lang - bis heute - die Nummer eins bei den TV-Nachrichten.

Und wie es das Schicksal so will, kündigte vergangene Woche der Zweite der großen drei, Dan Rather von CBS an, auch er werde, nach 24 Jahren täglichen Auftritts als Nachrichtenmoderator, Anfang nächsten Jahres aufhören. Rather ist 73. Übrig bleibt nur ABC's Peter Jennings, mit 66 zwar dynamisch, aber ebenfalls ablösereif.

Für Amerikas TV-Nachrichten beginnt ein neues Kapitel. Was genau die Anziehungskraft von Tom Brokaw ausmachte, war mir nie so klar. Während meines Aufenthalts in New York von 1979 bis 1984 war ich ganz auf CBS eingestellt, Tom Brokaw hatte damals, ebenso wie seine Mitkonkurrenten Dan Rather (CBS) und Peter Jennings (ABC), bei den Abendnachrichten gerade neu begonnen. Brokaw war seinen Zusehern freilich kein Unbekannter - sechs Jahre hatten sie ihn schon als Morgenmoderator und gewieften Interviewer erlebt.

Zu Beginn versuchte NBC mit der Doppelmoderation zu punkten, aber das Team spielte so gar nicht zusammen, und so wurde Roger Mudd, sein kurzfristiger Komoderator, bald abgesetzt.

Das Geheimnis des Pullunders

Noch schwerer hatte es Dan Rather, der das Erbe des unvergleichlichen Walter Cronkite übernahm ("der Mann, dem Amerika am meisten vertraut"): Nach seiner offiziellen Bestellung, aber noch vor seinem richtigen Einsatz, hatte CBS ein paar Monate lang Charles Kuralt auf den Anchor-Sessel gesetzt. Von allen Seiten hieß es, der onkelhafte Kuralt sei viel besser für diese Position geeignet als der ruppige Rather. Aber die CBS-Geschäftsleitung ließ sich nicht irritieren und Rather bekam seinen Job.

Sein Auftritt wirkte von Anfang an kalt und die Spitzenposition, die Cronkite jahrelang gehalten hatte, ging verloren. Rather wusste eine Lösung, so absurd die auch klingen mag: Eines Tages erschien er mit einem Pullunder unter dem Sakko, und schon strahlte er auch äußerlich Wärme aus - die Einschaltziffern verbesserten sich und so war ihm bald die Nummer eins nicht mehr zu nehmen.

Meine Begegnungen mit Rather waren weniger historisch, dafür aber länger: 1984 besuchte ich ihn erstmals in seinem Studio in New York, 1987 gab er mir ein ausführliches Interview über die Rolle des Fernsehens in der amerikanischen Gesellschaft, kurz vor Weihnachten 1995 rief er mich völlig überraschend in meinem Büro in Washington an: er wollte zu einem Artikel in einer Wiener Tageszeitung Stellung nehmen, die ihn wegen der Berichterstattung über den Transport amerikanischer Truppen zum Balkankrieg durch Österreich kritisiert hatte.

Schlagzeilen machte Rather auch immer wieder in den USA: 1986 wurde er von einem Unbekannten auf der New Yorker Park Avenue niedergeschlagen. Der Mann, so berichtete Dan Rather der Polizei, habe gerufen: "What's the frequency, Kenneth ?" Was genau dahinter steckte, blieb ungelöst.

Ziemlich sicher gefälscht

Keine Freude hatte sein Unternehmen ein Jahr später, als er aus Protest gegen ein überlanges Tennismatch, das in die Abendnachrichten hineinlief, einige Minuten lang nicht moderieren wollte. Das blieb sogar George Bush Senior, dem Vater des jetzigen Präsidenten, nicht verborgen. Als Rather einmal ein besonders kontroversielles Interview mit ihm führte und auf seine Rolle im Iran-Contra-Konflikt hinwies, konterte Bush mit dem zynischen Hinweis, auch er, Rather, wolle doch sicher nicht nur daran gemessen werden, dass einmal wegen ihm sieben Minuten lang der Bildschirm schwarz blieb.

Jetzt, am Ende seiner Karriere, wird Rather an ganz etwas anderem gemessen: In seiner zweiten Funktion als Starreporter des Nachrichtenmagazins "60 Minutes" hatte er einen Beitrag präsentiert, der sich kritisch mit der Nicht-Vietnam-Vergangenheit von George Bush dem Jüngeren auseinander setzte. Auch wenn kaum jemand daran zweifelt, dass der einflussreiche Vater "Dubya" aus dem Krieg herausgehalten hatte, die Dokumente, die Rather als Beweis präsentierte, waren ziemlich sicher gefälscht - und das wenige Wochen vor der Wahl.

Rather ist und war ein TV-Urviech - kein Krieg, von dem er nicht vor Ort berichtet (einmal verkleidete er sich am Kaiber-Pass in Afghanistan sogar als Taliban), kein Unwetter, in dem er nicht triefnass auftritt und fast weggeblasen wird, kein Interview, das er nicht bekommt - zuletzt mit Saddam Hussein kurz vor Beginn des Irakkrieges.

Konkurrenz von Kabel und Internet

In diesem Bereich stand ihm Tom Brokaw, der seit sieben Jahren unangefochten die Bestenliste bei den TV-Nachrichten anführt, um nichts nach: Gorbatschow stellte sich seinen Fragen ebenso wie jeder US-Präsident. Und mit seinem Buch über die Weltkriegsgeneration schrieb sich Brokaw auch in die Bestsellerlisten und die Herzen patriotischer Amerikaner.

Ob allerdings die Nachfolger der beiden angesichts der Konkurrenz von Kabel und Internet auch noch die nächsten 20 Jahre Abend für Abend das Neueste präsentieren werden (und ob ihnen dann noch jemand zusieht) ist mehr als fraglich. (Eugen Freund/DER STANDARD; Printausgabe, 1.12.2004)

Von Eugen Freund

Der Autor war 18 Jahre US-Korrespondent des ORF in Washington.

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