Reportage: Die Enttäuschten vom Kiewer Bahnhof

4. Dezember 2004, 16:02
8 Postings

Bergarbeiter aus dem Donezbecken stehen vor der Übermacht des Juschtschenko-Lagers

Die Unterhaltung mit ihm ist wie stille Post. Ruslan hat die Stimme verloren. Gegen die hunderttausendfache Übermacht anzuschreien setzt physisch zu. Er hat sich nicht geschont, zwei Tage lang in Kiew sein Letztes gegeben für seinen Kandidaten, Viktor Janukowitsch, die blau-weißen Fahnen des Janukowitsch-Lagers schwenkend. Mit seinen Mitstreitern ist der Stahlwerkarbeiter Ruslan nach Kiew gekommen. Sie alle stammen aus der ostukrainischen Industrieregion Donezk. "Wir verteidigen ihn", sagt ein daneben stehender Kumpel; "wir verteidigen uns", korrigiert ein anderer. Die Worte klingen kriegerisch, gewissermaßen sind sie es auch.

Tatsächlich ist die Atmosphäre auf dem Kiewer Bahnhof gespannt. Seit mehr als einer Woche ist der Ort zum Treffpunkt der Ankömmlinge aus dem Osten des Landes geworden, die der "orangen Revolution" in Kiew ihre Anliegen an die künftige Staatsmacht entgegenhalten wollen. "Gerade einmal 1500 von uns sind in Kiew unterwegs", erzählt Kolja.

Die Schar am Bahnhof ist in der Tat klein. Mit Plastiksäcken in den Händen – darin Wurstbrote, eingelegte Gurken und Tomaten. Geschlafen hat man teilweise in der Kälte. Die Stimmung ist nicht eben fröhlich. Man ist auf Gastfreundschaft gestoßen, die man nicht will. Hunderte Anhänger Juschtschenkos bevölkern den Bahnhof, einige versorgen die gegnerischen Ankömmlinge wie in organisierter Sozialarbeit mit Lunchpaketen. Das ist gut gemeint, kommt aber nur schwer an.

Glaube an den Premier

Die Blau-Weißen wollen nicht sanft gestimmt werden, sie sind gekommen, um ihr Land zu verteidigen, die Südostukraine. "Als Gouverneur hat Janukowitsch unsere Region auf Vordermann gebracht. Seit er Premier ist, erhalten wir regelmäßig und pünktlich unsere Löhne. Das war vorher nicht der Fall", meint Kolja. Und nicht ohne Stolz fügt der 33-jährige Kumpel aus dem Kohlerevier hinzu: "Unser Betrieb hat Kindergärten, Erholungsheime und Freizeiteinrichtungen geschaffen." Wem das alles gehört? "Das tut doch nichts zur Sache. Dem Staat."

Es tut etwas zur Sache, denn nicht der Staat lässt die Kohle aus den Schächten fördern, sondern Rinat Achmetow mittels Lizenz zum Schleuderpreis. Der Oligarch ist im vergangenen Jahrzehnt zum reichsten Mann der Ukraine aufgestiegen. Er kontrolliert ein Geschäftsimperium, das mittlerweile die ganze südöstliche Region überzieht: Da sind der Fußballklub Schachtjor Donezk, die Stahl- und Kohlebergwerke, die Hotels. Achmetow ist der größte Arbeitgeber der Region. Mit Janukowitschs Unterstützung hat er sein Imperium errichtet, zum weiteren Schutz hat er Millionen Dollar in die Wahl des Premiers zum Präsidenten investiert. Er soll auch die Demonstrationsfahrten finanzieren.

Die Region, aus der die Blau-Weißen kommen, ist reicher als der Westen der Ukraine. Durch die hohen Stahlpreise auf dem Weltmarkt strömt ein Vermögen in die Kassen – nur die Masse hat davon nicht viel. Die kargen Einkünfte lassen sich auch an den Gesichtern der Demonstranten ablesen. "Wir verdienen von 800 Griwen aufwärts", sagt Ruslan. Mit diesen umgerechnet gut 100 Euro liegt der Stahlarbeiter aber immer noch über dem landesweiten Durchschnittslohn.

In der Bahnhofshalle brechen Juschtschenko-Anhänger plötzlich in ihre gewohnten Sprechchöre aus – die Blau-Weißen antworten mit ihren Losungen. Schon bald ist die Bahnhofsaufsicht da und belehrt die Blau-Weißen, dass man sich ruhig zu verhalten habe, da die Lautsprecheransagen nicht zu hören seien. Zwei, drei Bergarbeitern steigt der Zorn ins Gesicht. Zu Recht, man hat nur geantwortet. Doch Kiew ist in der Hand der Orangen.

Furcht vor Spaltung

Das Janukowitsch-Lager ist nicht feindlich gestimmt: "In unserem Betrieb arbeiten auch Juschtschenko-Anhänger", sagt Kolja. Auf zehn Prozent schätzt er deren Zahl in der gesamten Region. Die politischen Führer der Ostukraine drohen inzwischen mit der Abspaltung. "Das wäre eine Katastrophe", meint Kolja bedrückt zu einem Oppositionsanhänger: "Dann haben wir alle verloren." Ein Mädchen mit den orangefarbenen Insignien reicht Ruslan Erkältungstropfen. Abgekämpft kauert er neben seinen Mitstreitern auf den Bänken der Bahnhofshalle und wartet auf den Zug zurück nach Donezk. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2004)

Eduard Steiner aus Kiew
Share if you care.