Neun Kilo Fisch statt Arznei: Prozess um Herzmedikament

4. Dezember 2004, 00:34
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Patient gewann gegen Gebietskrankenkasse wegen Nicht- genehmigung eines Medikaments, Kasse beruft

Ein Wiener Patient hat die Gebietskrankenkasse in erster Instanz erfolgreich wegen der Nichtgenehmigung eines Herzmedikamentes geklagt. Die Kasse hat dagegen berufen, dort sieht man wirtschaftliche Interessen der Pharmaindustrie.

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Roher Fisch ist nicht jedermanns Geschmack. Vor allem nicht, wenn man jede Woche mehrere Kilogramm davon essen soll. Genau das empfiehlt aber offenbar die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) einem Herzinfarktpatienten, empört sich der österreichische Herzverband. Die WGKK sieht wiederum einen anderen Hintergrund: Ein Pharmakonzern wolle einen Präzedenzfall schaffen.

Konkret geht es um das Medikament Omacor. Im Frühjahr 2003 bekam der 59-jährige Herbert J. dieses Präparat aus hochkonzentriertem Fischöl von seiner Ärztin verschrieben. Der Mann hat bereits mehrere Infarkte hinter sich, sein Herzrhythmus ist gestört. Mit dem Fischöl, das Omega-3-Fettsäuren enthält, sollte das Risiko eines neuen Infarktes gesenkt werden.

Was man bei der WGKK nicht so sah. Sie lehnte den Antrag ab. Begründung: Herbert J. könnte das Fischöl auch mit der Nahrung aufnehmen. "Dazu müsste man aber wöchentlich 460 Gramm Lachs oder 9,2 Kilogramm Kabeljau roh essen", rechnet Helmut Schulter vom österreichischen Herzverband, einer Selbsthilfegruppe, vor.

Herbert J. zog vor Gericht, das ihm nun in der ersten Instanz Recht gab. "Der medizinische Sachverständige hat argumentiert, dass es einem Schwerkranken nicht zumutbar sei, diese Mengen zu essen", erzählt Rechtsanwalt Christoph Wolf, der J. vertritt.

Die Arznei bekommt sein Mandant vorerst dennoch nicht bezahlt: Die Krankenkasse ging in Berufung. "Es wird jetzt wahrscheinlich ein weiteres halbes Jahr bis zum nächsten Urteil dauern", schätzt Wolf.

Bei der Krankenkasse will man sich zum laufenden Verfahren eigentlich nicht äußern. Sprecher Jan Pazourek stellt allerdings klar, "dass es nicht so ist, dass die böse Krankenkasse einem Patienten sein Medikament nicht genehmigt." Denn: "Unsere Gutachter sagen, dass Nahrungsergänzungsmittel, die es in Drogeriemärkten gibt, denselben Wirkstoff beinhalten."

Der Unterschied liegt im Preis: Während eine Monatsration Omacor-Kapseln über 46 Euro kostet, sind die Drogeriemarktprodukte um knapp fünf Euro zu haben. Der wahre Hintergrund sei, dass der Omacor-Hersteller versuche, einen Präzedenzfall zu schaffen, glaubt man daher bei der WGKK.

Denn das Medikament ist relativ neu, bestätigt Kurt Huber, Kardiologe am Wiener Wilhelminenspital und Sekretär der kardiologischen Gesellschaft. Omacor bei Infarktpatienten zu verschreiben sei "sicher nicht falsch", ihm sei aber erst eine große Studie über die positiven Wirkungen bekannt. (Michael Möseneder/DER STANDARD; Printausgabe, 1.12.2004)

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