Rohrlöffel und Kochzange

23. März 2006, 13:11
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Sind Mädchen die besseren Techniker? Das EU-Projekt "Girls crack it" setzt sich für junge Frauen in "männlich dominierten" Berufen ein

Trotz starkem Fachkräftemangel im technischem Bereich finden sich auch heute noch 70 Prozent aller weiblichen Lehrlinge in nur fünf Lehrberufen wieder: Als Friseuse, Verkäuferin, Sekretärin, Köchin und Servierkraft. In technischen Berufen dominieren nachwievor die Männer. Das EU-Projekt "Girls crack it" versucht, diesem Unverhältnis auf den Grund zu gehen und umfangreich Aufklärungsarbeit zu leisten.

Gute Gründe

"Wir sprechen seit 2002 konkret Firmen an und versuchen sie davon zu überzeugen, dass es durchaus sinnvoll ist, Mädchen als Lehrlinge einzustellen", so Djamila Rieger von "Girls Crack It". Was von Fall zu Fall zu unterschiedlichen Reaktionen führte. "Es gibt natürlich immer wieder Firmen, die Mädchen als Dachdeckerinnen oder Computerexpertinnen von vornherein ablehnen," kann Rieger nach den umfangreichen Befragungen in der Steiermark Resümee ziehen. "Doch die meisten sind durchaus interessiert an weiblichen Fachkräften." Warum der konkrete Schritt, Mädchen als Lehrlinge aufzunehmen, dann trotzdem oft ungegangen bleibt, hat viele Gründe. Toiletten und Umkleidekabinen für Frauen müssten eingerichtet werden, die Verantwortlichen fürchten Irritationen bei den Kunden, Frauen geben ihren Job zugunsten der Familie immer noch eher auf, als dies Männer tun.

Besserer Umgangston

Für den Leiter der Lehrlingsausbildung von AVL List war es eine bewusste Entscheidung, Mädchen aufzunehmen: "Sie lernen besser und sind dadurch ein Ansporn für die Burschen. Das Gesprächsklima verändert sich und der Umgangston wird besser." Davon konnten sich auch kleinere Betriebe überzeugen. Manfred Schauer, Malermeister in Graz, ist es ein Anliegen, seinen Betrieb auch für Mädchen zu öffnen: "Vor 15 Jahren habe ich das erste Mädchen aufgenommen, weil sie mir geeignet erschien," erklärt Schauer. "Seither ist das Klima in unserer Firma einfach lockerer geworden. Genauso unsinnig wie eine Geschlechtertrennung in den Schulen heute erscheint, wird bald auch die Trennung in typisch weibliche und typisch männliche Berufe sein", gibt er sich optimistisch. "Natürlich waren einige Kunden irritiert, aber als sie bemerkten, dass die Mädchen ihre Leistung ohne Wenn und Aber bringen, waren die Vorurteile meist schnell ausgeräumt." Das Argument, dass "Frauen ja schwanger werden", kann er bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, "aber auch Burschen können von einen Tag auf den anderen weg sein, wenn sie den Job wechseln oder umziehen."

Beruf und Familie

Der Vereinbarkeit von Job und Familie begegnen Schauer und andere aufgeschlossene Betriebe mit alternativen Arbeitszeitmodellen. "Viele Lehrmädchen, die Familien gründeten, sind heute auf der Basis von Teilzeitmodellen wieder in der Firma. Das funktioniert sehr gut." Auf die Vorbildfunktion von Firmen wie AVL oder die des Malermeisters Schauer baut "Girls crack it". Leider können Lehrmädchen nicht immer mit idealen Bedingungen rechnen. Von "Girls crack it" geführte Interviews mit Lehrlingen zeigten, dass es beispielsweise in Berufsschulen, wo der Mädchenanteil gering ist, oft zu verbalen, manchmal auch anderen Übergriffen seitens der Lehrer und der Burschen kommen kann. Mädchen mussten sich allzu oft anzügliche Witze oder abfällige Bemerkungen über ihre Qualifikationen gefallen lassen.

Vorurteile überwinden

"Die Überwindung von Vorurteilen muss bereits in der Schule beginnen," ist Elke Springer von der Informatik-Hauptschule Gratwein überzeugt. Die HS Gratwein gehört zu den wenigen Schulen, die ihre SchülerInnen auffordern, sich bewusst zwischen textilem und technischem Werken zu entscheiden. "Das hat in ihrer Einstellung sowohl SchülerInnen als auch LehrerInnen weitergebracht," so Springer. "In den letzten Jahren haben wir eine technische Klasse mehr, die Mädchen trauen sich im technischen Bereich viel mehr zu. Burschen haben jedoch nicht zum textilen Werken gewechselt." Was für Springer vor allem am "abschreckenden" Namen "textiles" Werken liegt. "In Schulen, die "kreatives" Werken anbieten, fällt die Hemmschwelle weg. Bei "kreativ" denkt niemand an Sticken und Häkeln."

Töchter-Tage

"Girls crack it" versucht in anderen Schulen, ähnlich positive Impulse zu setzen. Workshops für LehrerInnen und Schülerinnen sollen eine gendersensible Atmosphäre unterstützen und bei der Berufsorientierung helfen. Um die Entscheidung für eine technische Lehre zu erleichtern, werden immer wieder in größeren Firmen "Töchter-Tage" angeboten. "Mädchen technische Berufe erst schmackhaft machen zu müssen, ist nicht überall in Europa ein Thema," vergleicht Djamila Rieger international. "Die neuen Beitrittsländer zum Beispiel haben eine viel offenere Tradition, was Frauen in der Technik betrifft. Im Vergleich dazu hinkt Österreich wirklich hinterher."

(mhe)

  • Artikelbild
    foto: mafalda
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