Soziogramm des "typischen" Aids-Kranken

1. Dezember 2004, 07:34
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Österreichs Opfer sind männlich, heterosexuell, sozial schwach - Zahl der Todesopfer ist zurückgegangen, soziale Situation hat sich verschlechtert

Wien - 2.389 Menschen sind in Österreich bisher an Aids erkrankt, 1.382 Patienten der Immunschwächekrankheit erlegen. Doch während in den vergangenen Jahren durch die modernen Behandlungsmöglichkeiten die Zahl der jährlichen Todesopfer um 90 und mehr Prozent zurück gegangen ist, ist die soziale Problematik der HIV-Positiven bzw. Aids-Kranken gestiegen. Die - sozialen - Aids-Opfer sind männlich, heterosexuell, oft drogenkrank und haben oft auch noch psychische Probleme. Dies geht aus einer Erhebung der Aids-Hilfe Wien unter 509 Betroffenen hervor.

Die Daten stammen von jenen Personen, die in den vergangenen Jahren von den Sozialarbeitern der Wiener Hilfsorganisation betreut wurden. Es handelt sich dabei um die "Statistische Auswertung der Lebensumstände der KlientInnen". Für den Inhalt zeichnet Mag. Sylvia Gabriel verantwortlich - und der spricht eine harte Sprache, was die Situation der Betroffenen angeht. "Die Geschlechter verteilen sich so, dass etwas mehr als zwei Drittel unserer KlientInnen in der Sozialarbeit männlich und etwas weniger als ein Drittel weiblich sind", heißt es.

"Krankheit der Heterosexuellen"

Aids ist laut den Daten in Österreich - was jene angeht, welche die Betreuung in Anspruch genommen haben - eine Krankheit der Heterosexuellen. So stellte sich heraus, "dass ziemlich genau zwei Drittel aller KlientInnen heterosexuell und etwas weniger als ein Drittel homo- oder bisexuell sind." Aids wurde in Österreich Mitte der achtziger Jahre "akut". Dem entsprechend sind die nun von der Wiener Aids-Hilfe sozialarbeiterisch Betreuten zu fast 80 Prozent zwischen 30 und 49 Jahre alt. Die Geburtsjahrgänge zwischen 1955 und 1974 machen den Hauptanteil aus.

Die moderne Kombinationstherapie hat aus Aids - zumindest vorerst - zu einer weitgehend chronische verlaufenden Erkrankung gemacht, die beherrscht werden kann. Dem errungenen Überlebensvorteil bei den Betroffenen steht auf der anderen Seite ein erhöhter und verlängerter Betreuungsbedarf gegenüber. Von den 509 Hilfsbedürftigen der Aids-Hilfe Wien waren 134 bereis zwei bis fünf Jahre, 132 sechs bis zehn Jahre auf Unterstützung angewiesen.

Hoher Prozentsatz ist arbeitslos

Männer sind offenbar auch gesundheitlich "benachteiligt", wenn sie Aids haben. Bei den Verstorbenen seit dem Jahr 2000 heißt es in der Erhebung: "Auffällig ist der unterproportional geringe weibliche Anteil insgesamt und insbesondere 2003." Insgesamt waren 78 Prozent der gestorbenen Betreuten (32) Männer. Im Jahr 2003 stand sechs an Aids verstorbenen Männern kein einziges weibliches Opfer gegenüber.

Die Immunschwächekrankheit trifft offenbar auch vor allem Menschen, die einsam sind. 53 Prozent der von den Sozialarbeitern betreuten Männer waren allein stehend und ohne stabile Partner-Beziehung, ebenso 47 Prozent der Frauen.

Schlimm ist die Einkommenssituation der Aids-Betroffenen: 92,5 Prozent müssen mit bis zu 780 Euro im Monat einkommen. 41 Prozent haben weniger als 500 Euro pro Monat zur Verfügung. Elf Prozent der Betreuten haben überhaupt kein offizielles Einkommen: "Mit der jeweiligen Obergrenze der Kategorien berechnet, ergibt das ein durchschnittliches Nettoeinkommen von 567 Euro pro KlientIn und Monat." Damit sind fast alle Betroffenen unter der Armutsgrenze von 780 Euro Monatseinkommen. Gerade unter jenen mit den geringsten verfügbaren Geldmitteln sind aber auch - so die Erhebung - jene Personen mit den größten Schulden zu finden.

Suchtproblematik

Die Immunschwächekrankheit ist in Österreich auch mit der Suchtproblematik (Alkohol, Drogen, Medikamente) verbunden: Unter den von der Wiener Aids-Hilfe per Sozialarbeit betreuten Personen wiesen rund 60 Prozent Symptome von Abhängigkeit auf: "Während bei den Heteros (Männer, Anm.) der Anteil der Personen ohne Suchtproblematik bei 24 Prozent liegt, macht er bei Homo-/Bisexuellen 79 Prozent aus." Was schließlich noch hinzu kommt: Etwa 50 Prozent der Betreuten hatten psychische Auffälligkeiten bzw. Störungen. Am häufigsten waren Depressionen - zumeist die Folge der gesamten Lebenssituation.

Kein Wunder jedenfalls, dass Claudia Kuderna, Geschäftsführerin der Wiener Aids-Hilfe, am bei einer Pressekonferenz aus Anlass des bevorstehenden Welt-Aids-Tages (1. Dezember) erklärte: "Wir sehen sehr viele multiproblematische Patienten. Bei manchen ist HIV nicht das größte Problem." (APA)

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