Die geplante "Lawine" von Einkaufszentren in Wien

5. Dezember 2004, 19:57
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Grüne und ÖVP warnen vor Ende der Nahversorgung - Bis zu 400.000 Quadratmeter neuer Verkaufsfläche in Planung

Wien – "Bitte, wenn nur ein Bruchteil davon verwirklicht wird, brauchen wir keine Einkaufsstraßenförderung mehr. Weil die gehen dann eh alle ein", warnt der Grüne Planungssprecher Christoph Chorherr. "Die Letzte Ölung brauch' ich wirklich nimmer subventionieren."

Die Grünen haben alle Einkaufszentren und Fachmärkte zusammengezählt, die derzeit schon gewidmet oder in Planung sind. Von Wien Mitte über das Projekt Brachmühle an der U1-Verlängerung, Brauerei Liesing, Erweiterung Donauzentrum, Kometgründe bis hin zum umstrittenen "City Center Stadion", Zentralbahnhof, Westbahnhof, Ikea West, U2 Station Aspern, Ausbau Lugner City und munter so fort. Die Summe ist Atem beraubend: Bis zu 400.000 Quadratmeter neuer Verkaufsfläche sind es, die derzeit in Planung sind.

Und Chorherr ist damit auch kein einsamer Rufer in der Stadt. Auch der scheidende Wiener Wirtschaftskammerpräsident Walter Nettig prangerte kürzlich bereits den derzeit grassierenden "Flächenwahnsinn" an. Auch der VP-Planungssprecher und Immobilienexperte Alexander Neuhuber warnt: "Da kommt eine Lawine auf uns zu. Das alles zusammen ist weit größer als die Geschäftsflächen der gesamten Mariahilfer Straße und der City zusammen." Die ÖVP ist zwar nicht gerade die klassische Planwirtschaftspartei, "aber wenn das so weiter geht, brauchen wir keine Flächenwidmung mehr, weil eh jeder bauen kann, was er will", wundert sich Neuhuber.

Dabei ist die Situation der Nahversorgung ohnehin schon höchst angespannt. Chorherr: "Der Einzelhandelsumsatz stagniert seit Jahren. Jeder neue Quadratmeter, der errichtet wird, zieht eins zu eins Kaufkraft von den Nahversorgern ab."

Leere Geschäfte

Die Folge sind bereits jetzt schmerzhafte Leerstände in den Einkaufsstraßen. In der Lerchenfelderstraße etwa standen heuer bereits 3095 Quadratmeter leer – das sind 27 Prozent der Gesamtfläche in dieser Straße. In der Praterstraße waren es 2190 m² und somit 23 Prozent. Hütteldorfer Straße: 3713 leere Quadratmeter – 21 Prozent. Nussdorfer Straße: 2235 m² und somit 16 Prozent. Floridsdorfer Zentralbereich: 5184 m² – 16 Prozent.

"Allein in den Einkaufsstraßen und ihrem unmittelbaren Umfeld stehen derzeit rund 600 Geschäfte mit insgesamt über 100.000 Quadratmetern leer", ergänzt Neuhuber.

Der große Boom der Einkaufszentren ist für Chorherr auch nicht verwunderlich: "Das ist derzeit die heißeste Immobilie am Markt. Vergleichsweise geringe Investitionskosten und hohe Mieterträge das bringt bei Einkaufszentren Renditen von 6,5 bis 7 Prozent. An der Peripherie sieht es sogar noch besser aus."

Das "Augenmaß"

Die Reaktion der SPÖ: "Nur Schwarzmalerei ist kein Beitrag zur Sicherung der Nahversorgung", wiegelte Fritz Strobl ab, seines Zeichens Wirtschaftssprecher der SPÖ und Spitzenkandidat des Wirtschaftsverbandes für die Wirtschaftskammerwahl im kommenden Jahr. Die Stadt Wien habe doch jüngst die Nahversorgungsförderung zugunsten der kleinen Betriebe adaptiert. Und "wenn Wien neue Einkaufszentren widmet, dann jedenfalls mit Augenmaß", ist Strobl SP-absolut überzeugt. (Roman David-Freihsl, Der Standard, Printausgabe, 30.11.2004)

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