Neun von zehn HIV-Patienten leben unter der Armutsgrenze

1. Dezember 2004, 09:26
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Welt-Aids-Tag: Sterberate gesunken, mehr Neuinfektionen befürchtet

Wien - Noch vor einigen Jahren starben in Österreich binnen zwölf Monaten jeweils 150 bis 170 Menschen an Aids. Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten bei der Immunschwächekrankheit haben diese Zahl auf acht bis 15 Opfer pro Jahr gesenkt. Doch Aids wird zunehmend zur Armutsfalle. Davor und vor einem befürchteten Anstieg der Neuinfektionen wurde am Montag anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember gewarnt.

Die Geschäftsführerin der Aids-Hilfe Wien, Claudia Kuderna, berichtete von eine Studie über 500 Patienten: "Die Ergebnisse sind erschütternd. Mehr als 90 Prozent der HIV-positiven Klienten leben unter der Armutsgrenze von 780 Euro pro Monat. Im Durchschnitt sind es nur 570 Euro - zwölf Mal im Jahr. Drei Viertel der Patienten sind überschuldet."

Während die in Österreich vorhandene Behandlungsmöglichkeit die Todesraten dramatisch gesenkt habe, ergab sich daraus auch eine zusätzliche Problematik, sagte Dennis Beck, der Präsident der Hilfsorganisation. Immer mehr Menschen müssen mit der HIV-Infektion und ihren Folgen in allen Lebensbereichen zurecht kommen.

Dabei trifft die Krankheit einerseits sozial schwer Benachteiligte oder sonst bereits Kranke (Drogenabhängige, psychisch Kranke), andererseits lässt die HIV-Infektion beziehungsweise die Aids-Erkrankung Menschen vereinsamen und verarmen. "Wir sehen sehr viele multiproblematische Patienten. Bei manchen ist HIV nicht das größte Problem. Viele weisen Symptome der Langzeitarbeitslosigkeit auf oder sind drogenabhängig", schilderte Kuderna. Da schafften es nur wenige Betroffene, in den "1. Arbeitsmarkt" zurückzukommen.

1983 erster Aids-Fall

"Die Leute leben zwar länger, aber sie sagen: 'Die Therapie hat mir Lebensjahre geschenkt, aber was soll ich damit machen'?", so Kuderna. Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (VP) betonte die Wichtigkeit der Prävention. In Österreich sind seit dem ersten Aids-Fall im Jahr 1983 2375 Menschen erkrankt, 1377 sind an der Immunschwächekrankheit gestorben (Stand: 1. 10. 2004). Derzeit werden etwa 1000 Patienten behandelt.

Nach Schätzungen wurden bisher 12.000 bis 15.000 Menschen in Österreich mit dem HI-Virus infiziert, in vielen Fällen ist die Krankheit aber (noch) nicht ausgebrochen. Für heuer wird mit einem Anstieg auf rund 480 Neuinfektionen (2003: 423) gerechnet.

Weltweit sind bereits rund 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, mehr als die Hälfte davon in Afrika. Rund 3,5 Millionen Menschen sterben jährlich an Aids. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet für 2004 mit rund 4,9 Millionen neuen Infektionen, das sind 100.000 mehr als 2003. (APA, simo, Der Standard, Printausgabe, 30.11.2004)

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