Elendslange Reise vom Mond zur Erde

6. Dezember 2004, 11:45
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Der Mensch brauchte gut vier Tage, ein Meteorit knapp 330.000 Jahre: Erstmals Reise eines faustgroßen Gesteinsbrockens vom Mond zur Erde rekonstruiert

Washington - Meteoriten haben es auch nicht leicht. Wie langwierig und beschwerlich ihre Reise vom Mond zur Erde sein kann, berichten Wissenschafter um Edwin Gnos von der Universität Bern in Science am Beispiel des 2002 in der Wüste Omans entdeckten Meteoriten SaU 169.

Der faustgroße und nur 206 Gramm schwere SaU 169 zählt zu den 30 bisher entdeckten Meteoriten, die vom lediglich etwa 385.000 Kilometer von der Erde entfernten Mond stammen. Für diese Distanz, die von der Apollo-11-Mission mit Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins im Juli 1969 in nur vier Tagen und sieben Stunden zurückgelegt wurde, kann so ein Gesteinsbrocken schon einmal 330.000 Jahre brauchen.

Die einzigartige chemische Zusammensetzung von SaU 169 ermöglichte nun erstmals den Entstehungsort und seine Geschichte präzise zu rekonstruieren. So enthält der graugrüne Meteorit die beiden radioaktiven Elemente Thorium und Uran in ungewöhnlich großen Mengen, die nach Messungen des Nasa-Satelliten Lunar Prospector auf dem Mond nur in der Gegend des Mare Imbrium vorkommen, das vor 3,9 Milliarden Jahren durch den dortigen Einschlag eines Asteroiden entstand und heute als rechtes Auge des "Mannes im Mond" gilt.

Aus Gesteinsbruchstücken und geschmolzenem Gestein entstand dort SaU 169. Noch genauer lässt sich sein Ursprung durch die zwei an ihm haftenden Regolithen aus Mondgestein lokalisieren, deren Mineralsignatur bei Vergleichen mit Satellitenaufzeichnungen auf den kleinen Krater Lalande im Mare Imbrium hinweist. Edwin Gnos geht daher davon aus, dass SaU 169 bei der Entstehung des kleinen Einschlagkraters Lalande vor 2,8 Milliarden Jahren herausgeschleudert wurde - aber zunächst weiterhin auf der Mondoberfläche verweilte. Erst nach zwei folgenden Einschlägen wurde er vor 340.000 Jahren ins All geschleudert.

Gnos und sein Team bestimmten das Alter von SaU 169 anhand dessen radioaktiver Uhr. Da mit der Zeit die radioaktiven Materialien zu anderen Elementen zerfallen, die aber im Stein verbleiben, lässt sich beispielsweise durch das Verhältnis von Uran zu Blei die Zeit ablesen, wann der Stein gefestigt wurde. Durch die Energie der vier Einschläge wurden zudem Teile von SaU 169 wieder geschmolzen und die radioaktive Uhr in diesen Bereichen des Steins zurückgesetzt, so dass die Geologen ablesen konnten, wann und wie stark der Stein getroffen wurde.

Während seines Fluges vom Mond zur Erde veränderte sich die chemische Zusammensetzung durch kosmische Strahlen und hinterließ eine Signatur seiner Reise. Erst vor 10.000 Jahren wurde er von der Schwerkraft angezogen und stürzte in der Wüste ab. (Andreas Grote/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11. 2004)

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